Evonik Industries, einer der etablierten europäischen Spezialchemieproduzenten, handelt ohne neue Impulse, während Anleger bewerten, wie der Essener Konzern auf einen strukturellen Wandel in der Branche reagieren wird. Die Frage ist nicht, ob die Nachfrage nach Spezialchemikalien bestehen bleibt. Das wird sie. Die Frage ist, ob Evonik und seine europäischen Konkurrenten ihre Kostenpositionen gegen Wettbewerber behaupten können, die in Asien billigere und sauberere Produktionsverfahren entwickeln.
Ein diversifiziertes Portfolio, aber kein Schutz vor Prozessveränderungen
Das Portfolio von Evonik umfasst Hochleistungspolymere, Beschichtungsadditive, Futtermittelzusatzstoffe und Silicaprodukte und bedient Sektoren von der Automobil- und Bauindustrie bis hin zur Landwirtschaft und Konsumgütern. Diese Breite bietet eine gewisse Isolierung: Ein Abschwung in einem Endmarkt fällt selten mit Abschwüngen in allen anderen zusammen. Aber Diversifizierung löst nicht die technologische Frage, die nun im Mittelpunkt der Anlegeraufmerksamkeit steht.
Die Produkte des Unternehmens sind im strengen Sinne keine Commodities. Es sind formulierte Zusatzstoffe und Zwischenprodukte, deren Herstellung spezifisches technisches Know-how erfordert. Dies hat Evonik historisch Preisgestaltungsmacht und Margen oberhalb derer von Massenchemieproduzenten verschafft. Das Risiko besteht darin, dass alternative Produktionsrouten diese Vorteile von der Kostenseite her aushöhlen könnten, selbst wenn die Endprodukte differenziert bleiben.
Die technologische Divergenz, mit der etablierte europäische Unternehmen konfrontiert sind
Europäische Spezialchemieproduzenten, einschließlich Evonik, verlassen sich tendenziell auf etablierte Methoden, die auf traditionellen fossilen Rohstoffen und Pyrolyseverfahren basieren. Diese Prozesse wurden über Jahrzehnte optimiert. Die Anlagen sind abbezahlt. Die Technik ist vertraut. Die Wirtschaftlichkeit war, zumindest bis vor kurzem, solide.
Branchenforschung zu fortschrittlichen chemischen Wertschöpfungsketten weist auf zunehmende Experimente asiatischer Wettbewerber mit biobasierten Verfahren und fermentationsbasierten Chemien hin, insbesondere bei langkettigen Monomeren und biobasierten Kunststoffen. Dies sind keine marginalen Kuriositäten. Sollte sich ein alternatives Verfahren im industriellen Maßstab als wirtschaftlich tragfähig erweisen, wären die Auswirkungen auf Kosten und Nachhaltigkeit für die Etablierten erheblich.
Für Aktionäre ist diese Divergenz von Bedeutung, da sie Kostenstrukturen, Margen und das Umweltprofil von Produktlinien in der gesamten Branche umgestalten könnte. Die Etablierten stehen vor einer Wahl: ihre eigenen Prozesstechnologien anpassen, um biobasierte Inputs einzubeziehen, oder sich auf Segmente konzentrieren, in denen die bestehende Infrastruktur und das angesammelte Know-how weiterhin einen Vorteil verschaffen. Diese strategische Entscheidung wird in den nächsten Quartalen in der Berichterstattung von Evonik voraussichtlich immer wieder auftauchen.
Futtermittelzusatzstoffe: ein beständigerer Teil des Portfolios
Ein Bereich, in dem Evoniks etablierte Position relativ sicher bleibt, sind Futtermittelzusatzstoffe. Das Unternehmen liefert Produkte, die die Tiernährung und Futtereffizienz in der Geflügel-, Schweine- und Aquakulturproduktion verbessern. Die Nachfrage in diesem Segment folgt dem globalen Fleischproduktionsvolumen und der Weiterentwicklung von Vorschriften zur Futterzusammensetzung, beides bietet einen einigermaßen stabilen, langfristigen Nachfragetreiber.
Der strukturelle Bedarf an effizienterer Proteinproduktion, angetrieben durch Umweltschutzvorschriften und Bevölkerungswachstum, arbeitet hier zugunsten von Evonik. Doch selbst bei Futtermittelzusatzstoffen hat der Nachhaltigkeitsdruck zwei Seiten. Aufsichtsbehörden und Kunden wollen zunehmend Beweise dafür, dass die Zusatzstoffe selbst nachhaltig hergestellt werden, was Evonik möglicherweise irgendwann zu grüneren Prozessrouten auch in seinen verteidigungsfähigeren Segmenten drängen könnte.
Eine Branche unter Druck
Der breitere europäische Chemiesektor steht seit mehreren Jahren unter Druck. Hohe Energiekosten, verschärfte Umweltvorschriften und zunehmender Wettbewerb von asiatischen Produzenten haben die Margen in der gesamten Branche zusammengedrückt. Evonik ist nicht das einzige Unternehmen, das diesem Druck ausgesetzt ist, aber seine Reaktion wird aufmerksam beobachtet, da es zu den größten und diversifiziertesten etablierten europäischen Konzernen gehört. Die Zahlen zur industriellen Produktion von Eurostat haben die Schwierigkeiten des Sektors im Euroraum nachverfolgt.
Anleger, die die unter der ISIN DE000EVNK013 in Deutschland gelistete Aktie verfolgen, setzen im Wesentlichen darauf, dass das Management den Übergang richtig timen kann. Ein zu früher Wechsel zu biobasierten Verfahren könnte durch die Kapitalausgaben die Renditen aushöhlen, bevor der Markt bereit ist. Ein zu später Wechsel könnte bedeuten, dass das Wettbewerbsfenster geschlossen ist, was Evonik mit gestrandeten Vermögenswerten und veralteter Prozesstechnologie zurücklassen würde.
Die Wartezeit
Das Fehlen nennenswerter neuer Impulse beim jüngsten Handel der Aktie spiegelt diese Übergangsphase wider. Es gibt keine unmittelbare Krise, die zum Handeln zwingt, und keinen offensichtlichen Durchbruch, der den Übergang beschleunigen würde. Evonik befindet sich vorerst in einer Warteschleife: Das Portfolio generiert Cash, aber die strategische Ausrichtung bleibt ungewiss.
Diese Unsicherheit ist nicht allein auf Evonik beschränkt. In der gesamten europäischen Spezialchemie gilt dieselbe Kalkulation. Der Unterschied ist, dass größere, diversifizierte Konzerne mehr Spielraum haben, Experimente zu finanzieren und Fehlschläge abzufedern. Kleinere Akteure sehen sich möglicherweise eher durch Umstände als durch eigene Planung zu strategischen Entscheidungen gezwungen.
Für jeden, der die europäische Chemie als Anlagethema betrachtet, bietet die Branche ein Paradoxon. Die Endmärkte sind beständig: Autos, Gebäude, Lebensmittel und Konsumgüter benötigen alle chemische Inputs. Die regulatorische Ausrichtung ist vorhersehbar: Der europäische Green Deal und die dazugehörige Gesetzgebung werden weiterhin in Richtung kohlenstoffärmerer Produktion drängen. Was nicht vorhersehbar ist, ist, welche Unternehmen den Übergang am effektivsten meistern werden und in welchem Zeitrahmen. Die deutschen Bundesstatistiken zur Industrieproduktion veranschaulichen das Ausmaß der Herausforderung, vor der der Chemiesektor des Landes steht.
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