Deutsche Behörden haben eine bundesweite Fahndung nach einem 48-jährigen Mann eingeleitet, nachdem es in der ersten Septemberwoche 2026 zu fünf Sabotageangriffen auf Hochspannungsinfrastruktur gekommen war. Die Vorfälle, die sich über Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen erstreckten, zielten auf Umspannwerke und Freileitungen in der Nähe aktiver Braunkohleförderung. Die Polizei stellte Sprengstoff in der Wohnung des Verdächtigen in Gevelsberg sicher und ortete sein Fahrzeug in einem Waldstück bei Niederzier, doch der Gesuchte bleibt verschwunden.

Eine koordinierte Woche der Störungen

Die Angriffsserie begann am Morgen des 2. September im südlichen Brandenburg. Nach Polizeiangaben wurden mehr als 20 selbstgebaute Raketen eingesetzt, um leitfähiges Material auf Hochspannungsleitungen im Umspannwerk Turnow-Preilack abzufeuern, nahe dem Kraftwerk Jänschwalde. Zwei Kurzschlüsse wurden registriert, doch der Netzbetreiber bestätigte, dass kein großflächiger Ausfall eintrat. Noch am selben Abend wurde eine zweite Störung im Umspannwerk Bergheim bei Köln gemeldet. RWE Power teilte mit, dass fünf Braunkohlekraftwerksblöcke an den Standorten Niederaußem und Neurath vom Netz getrennt wurden. Während die meisten schnell wieder ans Netz gingen, sollte ein Block voraussichtlich bis zur Folgewoche offline bleiben.

Am Donnerstagabend wurden weitere Vorrichtungen im Umspannwerk Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf entdeckt, nachdem ein Passant verdächtige Abschussvorrichtungen bemerkt hatte. Am Freitag rückten Polizisten zu mutmaßlichen Sprengsätzen nördlich von Bautzen in Sachsen aus. Zwölf Geräte wurden in der Nähe der Umspannwerke Bärwalde und Graustein im Lausitzer Braunkohlerevier gefunden. Ein separater Polizeieinsatz in Hamm betraf ein ehemaliges Kraftwerksgelände, das seit einiger Zeit stillgelegt ist. In allen drei betroffenen Bundesländern wird weiterhin Braunkohle gefördert und zur Stromerzeugung genutzt, was auf einen gezielten Fokus auf fossile Infrastruktur hindeutet.

Die Ermittlungen und der Verdächtige

Die Ermittlungen nahmen am Freitag an Fahrt auf, nachdem die Behörden den Verdächtigen auf eine Wohnung in Gevelsberg, Nordrhein-Westfalen, zurückverfolgten. Eine Durchsuchung der Räumlichkeiten förderte Sprengstoff zutage. Am Nachmittag ortete ein Spezialeinsatzkommando einen zu einem Wohnmobil umgebauten Lkw in einem Wald bei Niederzier, rund 100 Kilometer entfernt. Das Fahrzeug wurde sichergestellt, der Verdächtige befand sich jedoch nicht darin. Polizei und Staatsanwaltschaft in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen veröffentlichten einen gemeinsamen Öffentlichkeitsfahndungsaufruf mit Fotos des 48-Jährigen und baten die Bevölkerung um Hinweise.

Der Fall wird als Terrorismusverfahren geführt. Zwei Bekennerschreiben, die an verschiedene Medienhäuser und die Deutsche Presse-Agentur gesandt wurden, enthielten spezifische Details, von denen Ermittler überzeugt sind, dass nur der Täter sie kennen kann. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bestätigte die Echtheit der in der Korrespondenz gemachten Angaben. Die Schreiben stellen ausdrücklich fest, dass Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ein Verbrechen sei, und verknüpfen die physischen Angriffe damit mit einer konkreten ideologischen Motivation.

Motiv als Klimaterrorismus definiert

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt beschrieb das wahrscheinliche Motiv als Klimaterrorismus eines Einzeltäters. Er betonte, dass die technischen Details in den Bekennerschreiben mit den physischen Beweisen an den Tatorten übereinstimmten. Die Einstufung erhöht die Bedeutung für die Strafverfolgung, da die Ermittlungen damit von einfacher Sachbeschädigung zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit werden. Dobrindt stellte fest, dass das in den Schreiben offenbare Wissen eindeutiges Täterwissen sei, was die polizeiliche Gefährdungseinschätzung validiere.

Landespolitiker wiesen die ideologische Rechtfertigung zurück. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul argumentierte, dass die Gefährdung der Stromversorgung von Krankenhäusern im Namen des Klimaschutzes nichts rette, sondern Leben bedrohe. Reul erklärte, dass keine Ideologie als Entschuldigung für solche Taten diene. Die Spannung verdeutlicht den Konflikt zwischen radikalem Klimaaktivismus und den praktischen Notwendigkeiten, kritische Infrastruktur während der Energiewende aufrechtzuerhalten.

Netzbetreiber fordern Transparenzänderungen

Die Angriffe haben unmittelbare Forderungen von Energiebranchenführern nach einer Überarbeitung der Sicherheitsprotokolle ausgelöst. Christoph Müller, Vorstandsvorsitzender des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, argumentierte, dass geltende Vorschriften Unternehmen zwingen, zu viele Informationen über Netzinfrastruktur öffentlich zugänglich zu machen. Dies mache es Angreifern unnötig einfach, verwundbare Punkte zu identifizieren, unabhängig von ihrer Herkunft. Müller fordert gelockerte Transparenzanforderungen und ausdrückliche Erlaubnis für Unternehmen, Drohnen zur regelmäßigen Überwachung von Freileitungen einzusetzen.

Amprion, einer von vier großen Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland, managt das Netz hauptsächlich im Westen und Südwesten. Müller plädierte zudem für erweiterte Rechte zum Einsatz von Kameras, um nicht nur das Betriebsgelände, sondern auch das Umfeld zu überwachen. Diese Forderungen berühren breitere Debatten über Datenschutz und Sicherheit. Die Europäische Kommission hat zuvor Standards für den Schutz kritischer Infrastrukturen skizziert, doch die nationale Umsetzung variiert. Die Vorfälle in Deutschland deuten darauf hin, dass die derzeitigen physischen Sicherheitsmaßnahmen für das aktuelle Bedrohungsumfeld unzureichend sein könnten.

Erwähnte Personen

  • Alexander Dobrindt

    Federal Interior Minister, German Federal Government

  • Herbert Reul

    Interior Minister, North Rhine-Westphalia State Government

  • Christoph Müller

    Chief Executive, Amprion

Organisationen

Amprion · RWE Power · German Federal Police