Politik · Verteidigung
Anti-Drohnen-Netz am Brandenburger Tor markiert ukrainischen Unabhängigkeitstag mit Forderung nach Luftverteidigung
Die ukrainische Zivilgesellschaftsgruppe Vitsche und das Verteidigungs-Konsortium New Age Defense installierten ein Schutznetz am Pariser Platz, um die Verwundbarkeit ukrainischer Städte zu veranschaulichen und Deutschland zu mehr Abfangsystemen zu drängen.
Am Sonntagmorgen ragte ein Stahlgitter-Anti-Drohnen-Netz über dem Pariser Platz auf, gespannt zwischen temporären Pylonen im Schatten des Brandenburger Tors und nur wenige hundert Meter vom Bundestag entfernt. Die Installation, organisiert von der in Berlin ansässigen ukrainischen Zivilgesellschaftsgruppe Vitsche und dem deutsch-ukrainischen Verteidigungs-Konsortium New Age Defense (NAD), war auf den 35. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung terminiert. Ihr Zweck, so die Veranstalter, sei es, den fragilen Schutzschild sichtbar zu machen, unter dem ukrainische Zivilisten leben, und Deutschland sowie seine europäischen Partner zu schnelleren, umfangreicheren Lieferungen von Luftverteidigungs-Abfangsystemen zu drängen.
Eine physische Metapher im Regierungsviertel
Das Netz selbst ist ein kommerziell erhältliches Drohnen-Abfangsystem, wie es um kritische Infrastruktur und vordere Operationsbasen in der Ukraine eingesetzt wird. Über den Platz gespannt, fing es das Spätsommerlicht ein, nicht aber die Aufmerksamkeit vieler Touristen, die das Brandenburger Tor durch seine Maschen fotografierten. Für die Veranstalter war genau dieser Kontrast der Punkt: eine europäische Hauptstadt, in der der Himmel als selbstverständlich gilt, und ein europäischer Nachbar, in dem jeder klare Tag die Wahrscheinlichkeit eines Shahed oder eines Kinzhal birgt.
Vitsche, in Berlin nach dem großangelegten Einmarsch 2022 gegründet, inszenierte Projektionen auf dem Reichstag, Lesungen der Namen der Toten und eine Replik eines zerstörten Mariupoler Wohnblocks vor dem Kanzleramt. NAD, 2023 registriert, beschreibt sich als Brücke zwischen deutscher Industriekapazität und ukrainischen Schlachtfeldanforderungen, mit Fokus auf elektronische Kriegsführung, Drohnenproduktion und Abfangentwicklung. Die Partnerschaft zwischen einer kampagnenführenden NGO und einem gewinnorientierten Verteidigungsunternehmen ist in Berlins Zivilgesellschaftslandschaft ungewöhnlich und signalisiert einen Wandel von humanitärer Advocacy hin zu industriellen und strategischen Forderungen.
Was die Veranstalter fordern
Die am Sonntag veröffentlichte gemeinsame Erklärung nennt sieben Forderungen. Erstens: beschleunigte Lieferung von Abfangtechnologien, sowohl Raketen als auch Abfangdrohnen, an die Ukraine. Zweitens: Etablierung deutsch-ukrainischer gemeinsamer Verteidigungsvorhaben, um langfristige Produktion und Instandhaltung in Europa zu sichern. Drittens: Integration der realen ukrainischen Luftverteidigungserfahrung in EU- und NATO-Sicherheitsstrategien. Viertens: ukrainische Mitgliedschaft in EU und NATO, beschrieben als "essenziell für eine sichere europäische Zukunft." Fünftens: intensivierte Bemühungen um die Rückkehr nach Russland deportierter ukrainischer Kinder. Sechstens: Verwendung immobilisierter russischer Staatsvermögen zur Finanzierung des Wiederaufbaus. Siebtens: Schließung des Russischen Hauses in der Friedrichstraße, das die Veranstalter als Instrument von Einflussoperationen statt kulturellem Austausch charakterisieren.
Kateryna Mykhalko, Geschäftsführerin von NAD, fasste die Abfangforderung drastisch zusammen: "Every intercepted missile or drone means a life saved. These experiences are invaluable for the security of the whole of Europe." Ihr Argument: Die Ukraine sei zu einem Live-Testfeld für mehrschichtige Luftverteidigung geworden, das sowjetische S-300- und Buk-Systeme mit westlichen Patriots, IRIS-T, NASAMS und einer wachsenden Flotte von Abfangdrohnen kombiniere, und die dabei generierten Daten seien direkt anwendbar für die Verteidigung der östlichen NATO-Flanke.
Deutschlands Lieferbilanz und die verbleibenden Lücken
Seit Februar 2022 lieferte Deutschland vier IRIS-T SLM Feuereinheiten, drei IRIS-T SLS Kurzstreckenstarter, drei Patriot-Starter (ein vierter zugesagt), 52 Gepard-Flugabwehrkanonenpanzer und mehrere tausend tragbare MANPADS. Berlin finanzierte zudem den Kauf zusätzlicher IRIS-T- und Patriot-Raketen über die Europäische Friedensfazilität und bilaterale Verträge. Doch ukrainische Beamte betonten wiederholt, die Abdeckung reiche nicht für eine Frontlinie von mehr als 1.000 Kilometern und für Städte weit dahinter. Die eigene Planung der Bundesregierung geht von einem Bedarf von mindestens zwölf IRIS-T SLM-Batterien zum Schutz großer Bevölkerungszentren und kritischer Energieinfrastruktur aus; vier sind operativ, vier weitere für die Bundeswehr bestellt und noch nicht für den Export freigegeben.
Die Taurus-Marschflugkörper, die Kiew seit Mitte 2023 zur Bekämpfung russischer Flugplätze fordert, von denen Gleitbomben und Raketen starten, wurden nicht geliefert. Bundeskanzler Olaf Scholz lehnte den Transfer ab, mit Verweis auf Eskalationsrisiko und die Unmöglichkeit, die Zielauswahl zu kontrollieren. Diese Weigerung ist ein anhaltender Reibungspunkt zwischen Berlin und Kiew und wurde in Sonntags Forderung nach "Abfangtechnologien" implizit angesprochen, eine Formulierung, die die Debatte um Offensivwaffen umgeht, während sie für die defensiven Systeme drängt, die Deutschland prinzipiell bereits akzeptiert hat.
Joint Ventures und die industrielle Logik
Die Forderung nach deutsch-ukrainischen Verteidigungs-Joint-Ventures spiegelt eine Kalkulation wider, die in Kiew und bei einer Teilmenge deutscher Hersteller an Zug gewinnt. Rheinmetall kündigte im Oktober 2023 ein Joint Venture mit dem ukrainischen Staatskonzern Ukroboronprom an, fokussiert auf Fuchs-Panzerwartung und Lynx-Schützenpanzerproduktion. KNDS Deutschland (ehemals Krauss-Maffei Wegmann) folgte mit einem Reparaturzentrum für Leopard-Panzer in der Westukraine. Doch keine großangelegte Partnerschaft für Abfang- oder Raketenproduktion wurde finalisiert. NAD selbst ist ein Konsortium kleinerer deutscher und ukrainischer Firmen, das diese Lücke füllen will, mit dem Argument, die bürokratischen Hürden für große Primärkontraktoren seien zu hoch für das Tempo, das der Krieg erfordert.
Die Europäische Verteidigungsindustriestrategie, von der Kommission im März 2024 verabschiedet, fördert solche grenzüberschreitenden Partnerschaften und stellt 1,5 Milliarden Euro für kollaborative Fähigkeitsentwicklung über den Europäischen Verteidigungsfonds bereit. Die Ukraine kann als assoziierter Partner ab 2025 auf EDF-Ausschreibungen zugreifen. Die praktische Schwierigkeit: Die meisten EDF-Projekte laufen auf Drei- bis Fünfjahreszyklen, die Frontlinie braucht Abfangsysteme jetzt. NADs Argument: Seine Mitglieder, mittelständische Firmen mit flexiblen Produktionslinien, könnten Prototypen in Monaten statt Jahren liefern, wenn deutsche Exportlizenzen und ukrainische Beschaffungsregeln zusammenpassen.
EU- und NATO-Integration: Von der Rhetorik zur Doktrin
Der Aufruf, ukrainische Kampferfahrung in EU- und NATO-Strategien einzubetten, ist mehr als symbolisch. NATOs Joint Air Power Competence Centre in Kalkar analysiert seit 2023 ukrainische Luftverteidigungsdaten, und der NATO-Gipfel 2024 in Washington etablierte ein neues NATO-Ukraine Analysis, Training and Education Centre in Bydgoszcz, Polen. Die EU-Militärassistenzmission (EUMAM) hat Lehren aus ukrainischen mobilen Luftverteidigungsgruppen in ihre Ausbildungscurricula für ukrainische Brigaden aufgenommen. Doch die Veranstalter argumentieren, dies seien Ad-hoc-Regelungen; sie wollen eine formale Vorgabe, dass ukrainische Operationsdaten direkt in NATOs Fähigkeitsziele und den EU-Fähigkeitsentwicklungsplan einfließen.
Bei der Mitgliedschaft verläuft die Entwicklung divergierend. Die Ukraine erhielt im Juni 2022 EU-Kandidatenstatus und der Rat einigte sich im Juni 2024 auf Eröffnung von Beitrittsverhandlungen, mit der ersten zwischenstaatlichen Konferenz noch im selben Monat. Der Prozess wird Jahre dauern, abhängig von Reformen in Justiz, Korruptionsbekämpfung und Medienfreiheit. NATOs Pfad ist weniger definiert. Der Vilnius-Gipfel 2023 strich die Membership Action Plan-Voraussetzung, verzichtete aber auf eine Einladung und stellte fest, die Ukraine werde eingeladen, "wenn Verbündete zustimmen und Bedingungen erfüllt sind." Der Washington-Gipfel 2024 bekräftigte, die Ukraine gehöre in die NATO, nannte aber keinen Zeitplan. Sonntags Forderung nach Mitgliedschaft als Sicherheitsgarantie spiegelt die in Kiew vorherrschende Ansicht wider, dass nur Artikel-5-Schutz die existenzielle Bedrohung beendet.
Eingefrorene Vermögenswerte, entführte Kinder und das Russische Haus
Die Forderung, immobilisierte russische Staatsvermögen für den Wiederaufbau zu nutzen, zielt auf eine Debatte, die von der Rechtstheorie zur teilweisen Umsetzung überging. Etwa 210 Milliarden Euro russischer Zentralbankreserven sind in EU-Depots eingefroren, der Großteil in Belgiens Euroclear. Im Mai 2024 verabschiedete der Rat eine Verordnung zur Absonderung der Zufallsgewinne, geschätzt auf 2,5 bis 3 Milliarden Euro jährlich, für die Ukraine-Fazilität und Verteidigungsbeschaffung. Der Hauptbetrag bleibt unangetastet, die Mitgliedstaaten sind über die Rechtmäßigkeit einer Konfiskation nach Völkerrecht gespalten. Die Position der Veranstalter deckt sich mit den wiederholten Resolutionen des Europäischen Parlaments zur vollständigen Konfiskation, eine Haltung, der die Kommission bisher widerstand.
Bei entführten Kindern führt Ukraines Nationales Informationsbüro mehr als 19.500 bestätigte Fälle von Deportation oder Zwangsüberstellung seit 2022 auf, mit weniger als 400 Rückkehrern über vermittelte Austausche. Der Internationale Strafgerichtshof erließ im März 2023 Haftbefehle gegen Präsident Wladimir Putin und Kinderrechtskommissarin Maria Lwowa-Belowa wegen des Kriegsverbrechens der unrechtmäßigen Deportation. Deutschland unterstützte den ICC-Prozess und finanzierte NGOs zur Kindersuche, aber Berlin richtete keinen dedizierten diplomatischen Kanal für Rückführungen ein, sodass die Arbeit weitgehend katar-vermittelten Gesprächen überlassen bleibt.
Das Russische Haus in der Friedrichstraße, betrieben von Rossotrudnitschestwo, wird seit Jahren vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) beschreibt es als Plattform für Einflussoperationen, Rekrutierung und Narrativkontrolle. Forderungen nach seiner Schließung kommen seit 2022 aus dem gesamten Bundestag, doch das Auswärtige Amt hält daran fest, die Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen schütze Kulturinstitute, solange sie nicht für mit ihrem Status unvereinbare Handlungen genutzt würden, eine Schwelle, die nach Regierungsangaben nicht erreicht sei. Die Aufnahme dieser Forderung durch die Veranstalter signalisiert Frustration über die Lücke zwischen Geheimdienstbewertungen und diplomatischem Handeln.
Der abendliche Marsch und die Politik der Sichtbarkeit
Um 18:30 Uhr Ortszeit sollte ein Marsch vom Pariser Platz die Unter den Linden hinab, an der Russischen Botschaft vorbei und weiter zum Potsdamer Platz ziehen. Vitsche erwartete mehrere Tausend Teilnehmer, darunter ukrainische Geflüchtete, deutsche Unterstützer und Vertreter anderer osteuropäischer Diasporas. Die Route ist bewusst gewählt: Sie führt an der Botschaft des Aggressors vorbei, am Regierungsviertel, das über Waffenlieferungen entscheidet, und am kommerziellen Herzen einer Stadt, die sich als Drehscheibe ukrainischer Zivilgesellschaft positioniert hat. Das Netz bleibt bis Montagmorgen stehen, dann wird es abgebaut und in ein Lager transportiert, eine temporäre Struktur für ein permanentes Problem.
Sources
People mentioned
Kateryna Mykhalko
Organisations
Vitsche · New Age Defense · European Union · NATO