Der Europäische Ombudsmann hat eine formelle Untersuchung zur Entscheidung der Europäischen Kommission eingeleitet, Siemens-Vorsitzenden Jim Hagemann Snabe zu ihrem Sondergesandten für industrielle KI zu ernennen, nachdem eine Koalition von Transparenzorganisationen argumentiert hatte, seine anhaltende Unternehmensrolle beeinträchtige die Unabhängigkeit des Postens.
Die Ernennung auf dem Prüfstand
Snabe wurde für das unbesoldete Amt des Sondergesandten mit einem Mandat bis Ende März 2027 berufen. Er soll einen Bericht zu KI-Infrastruktur, KI-Grenztechnologien und der Einführung industrieller KI in der Union vorlegen. Die Position ist zwar unbesoldet, trägt aber erheblichen Einfluss: Die Schlussfolgerungen des Sondergesandten fließen direkt in die Gestaltung der europäischen Industriestrategie für KI ein.
Das Problem, so die Beschwerdeführer, liegt darin, dass Snabe weiterhin als Vorsitzender von Siemens fungiert, einem Unternehmen mit direktem kommerziellem Interesse an der EU-Regulierung von KI. Transparency International, Corporate Europe Observatory, LobbyControl und The Good Lobby wandten sich am 10. Juni an die Kommission, um ihre Bedenken darzulegen. Sie erhielten keine Antwort.
Die Entscheidung des Ombudsmanns, die Untersuchung aufzunehmen, setzt der Kommission eine Frist bis zum 29. September, um substantiell auf die NGO-Beschwerden zu reagieren. Die Untersuchung wird prüfen, ob das Ernennungsverfahren potenzielle Interessenkonflikte hinreichend bewertet hat.
Siemens und die Ausnahmen im KI-Gesetz
Der Vorwurf des Interessenkonflikts stützt sich nicht allein auf Snabes Titel. Siemens zählte zu den lautstärksten Unternehmensvertretern, die sich vor der Finalisierung des EU-KI-Gesetzes für eine Abschwächung einzelner Teile einsetzten. Konkret drängte das Unternehmen darauf, Produkte, die bereits unter die EU-Maschinenrichtlinie fallen, von den zusätzlichen Anforderungen des KI-Gesetzes auszunehmen.
Diese Ausnahme wurde gewährt. Die EU-Gesetzgeber einigten sich im Sommer 2026 auf die Änderung, die nun im endgültigen Text verankert ist. Für ein Unternehmen wie Siemens, das Industrieanlagen fertigt, die zunehmend KI-gestützte Funktionen enthalten, verringert die Ausnahmeregelung Compliance-Kosten und regulatorische Überschneidungen. Für die NGOs verdeutlicht sie genau den politischen Ausgang, den ein gut vernetzter Unternehmensvorsitzender erwarten lassen würde.
Die Sorge ist struktureller, nicht persönlicher Natur. Ob Snabe beabsichtigt, seine Empfehlungen zu beeinflussen oder nicht, seine berufliche Position bedeutet, dass er im Vorstand eines Unternehmens sitzt, das bereits eine günstige regulatorische Änderung von der Institution erwirkt hat, die er nun berät. Die Optik ist schwierig, und der Ombudsmann scheint zuzustimmen, dass sie einer Prüfung bedarf.
European Tech Creators und der Zugang zu von der Leyen
Siemens' Lobby-Fußabdruck reicht über die Maschinen-Ausnahme hinaus. Das Unternehmen ist Gründungsmitglied von European Tech Creators, einer neuen Brüsseler Koalition, der auch SAP, ASML, Mistral, Airbus, Ericsson, Nokia und BMW angehören. Die Gruppe traf sich bereits mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und plant, vierteljährliche Treffen mit ihr anzustreben.
European Tech Creators tritt als Stimme der europäischen Technologiehersteller auf und argumentiert, Regulierung dürfe die Wettbewerbsfähigkeit Europas nicht behindern. Die Mitgliedschaft erstreckt sich über Halbleiter, Software, Telekommunikationsausrüstung, Luft- und Raumfahrt sowie Automobilbau, ein ungewöhnlich breites industrielles Bündnis nach Brüsseler Maßstäben. Regelmäßiger Zugang zur Kommissionspräsidentin ist ein Privileg, das den meisten Interessengruppen verwehrt bleibt.
Die Kombination aus Snabes Sondergesandtenrolle und Siemens' Mitgliedschaft in dieser Gruppe schafft, wie die Beschwerdeführer es nennen, einen doppelten Einflusskanal: einen formellen über die Sondergesandtenposition und einen informellen über die direkte Linie des Lobbybündnisses zu von der Leyen.
Die Verteidigung der Kommission und ihr Schweigen zu Dokumenten
Die Kommission weist die Kritik zurück. Sie argumentiert, Snabes Bericht werde öffentlich zugänglich sein und seine Beratung für alle sichtbar und zugänglich, was in den Worten der Kommission "subject to public scrutiny" sei. Die implizite Argumentation lautet, dass Transparenz über seine Schlussfolgerungen ausreichender Schutz gegen Voreingenommenheit sei.
Diese Argumentation hat die NGOs nicht überzeugt, und der Umgang der Kommission mit der Ernennung hat das Vertrauen kaum gestärkt. Sowohl Europaparlament-Abgeordnete als auch Journalisten beantragten Zugang zu Dokumenten über das Auswahlverfahren Snabes. Die Kommission verweigerte die Herausgabe. Die Geheimhaltung des Ernennungsverfahrens erschwert die Beurteilung, ob potenzielle Interessenkonflikte vor der Entscheidung ordnungsgemäß geprüft wurden.
Warum Unabhängigkeit für diese Rolle entscheidend ist
Wie das Ombudsmann-Verfahren funktioniert
Was als Nächstes passiert
Erwähnte Personen
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Jim Hagemann Snabe
Organisationen
European Commission · European Ombudsman · Siemens · Transparency International · Corporate Europe Observatory · LobbyControl