Am 29. September werden 22 österreichische Unternehmen in Tunis eintreffen. Sie begleiten den Wirtschaftsminister des Landes bei einer Mission, die Wiens wachsendes Interesse an Nordafrika als Wasserstofflieferant und Produktionsstandort für europäische Lieferketten unterstreicht. Die von Jochen Danninger, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich, geleitete Delegation wird einen Tag in der tunesischen Hauptstadt verbringen, bevor sie nach Algier weiterreist, wo drei weitere Tage für Gespräche angesetzt sind.
Was die Delegation verfolgt
Der Besuch, der gemeinsam von CONNECT International, der Außenwirtschaftsstelle Österreich und der österreichischen Botschaft in Tunis organisiert wurde, konzentriert sich auf vier Sektoren: grüne Energie und Wasserstoff, erneuerbare Energien im weiteren Sinne, Infrastruktur und industrielle Zusammenarbeit sowie Umwelttechnologien. Ein tunesisch-österreichisches Wirtschaftsforum und eine Reihe gezielter Einzelgespräche zwischen den Unternehmen bilden den Kern des Programms. Wolfgang Hattmannsdorfer, österreichischer Bundesminister für Wirtschaft, Energie und Tourismus, reist im Rahmen der Gruppe mit und verleiht dem Besuch ministerielles Gewicht.
Laut Advantage Austria möchten die teilnehmenden Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten identifizieren, bestehende Partnerschaften festigen und gemeinsame Projekte mit tunesischen und algerischen Partnern entwickeln. Diese Formulierungen entsprechen dem üblichen Vokabular von Wirtschaftsdelegationen, doch der sektorale Fokus erzählt eine konkretere Geschichte. Grüner Wasserstoff ist für mehrere europäische Regierungen zu einer strategischen Priorität geworden, und Österreich bildet da keine Ausnahme. Die heimische Industrievereinigung hat wiederholt die Notwendigkeit von Wasserstoffimporten zur Dekarbonisierung der Schwerindustrie betont. Tunesien mit seiner Sonneneinstrahlung und der Mittelmeerküste bietet sich als offensichtlicher Produktionsstandort an.
Eine unausgewogene Handelsbeziehung
Die neuesten Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich für das erste Halbjahr 2025 zeichnen ein Handelsbild, das eindeutig zu Gunsten Tunesiens ausfällt. Die österreichischen Importe aus Tunesien erreichten 115,8 Millionen Euro, was einem Rückgang von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die österreichischen Exporte nach Tunesien beliefen sich auf lediglich 37,35 Millionen Euro, ein stärkerer Rückgang von 17,5 Prozent. Mit anderen Worten: Tunesien verkauft Österreich etwa dreimal so viel, wie es von dort einkauft, und diese Lücke hat sich im betrachteten Zeitraum vergrößert.
Zu Österreichs Exportgütern nach Tunesien gehören elektrische Maschinen und Geräte, mechanische Maschinen, Kunststoffe, Metallprodukte, Textilien und optische Instrumente. In die andere Richtung importiert Österreich elektrische Ausrüstung, Bekleidung und Textilien, Messinstrumente, Schuhwerk und Obst. Diese Struktur legt nahe, dass Tunesien in dieser Beziehung teilweise als Lieferant von Industriegütern mit geringerer Wertschöpfung und Agrarprodukten fungiert, während Österreich hochspezifische Industriegüter exportiert. Der Fokus der Mission auf Technologietransfer und industrielle Modernisierung scheint, zumindest teilweise, darauf ausgelegt zu sein, dieses Gleichgewicht zu verschieben.
Tunesien als Nearshoring-Standort
Die Außenwirtschaftsstelle Österreich hat ihre strategische Ausrichtung klar formuliert. Sie hebt die geografische Nähe Tunesiens zu Europa, die relativ gut ausgebildete Belegschaft und die wettbewerbsfähigen Produktionskosten als Vorteile für europäische Unternehmen hervor, die eine Nearshoring-Plattform in Nordafrika suchen. Das Argument ist einleuchtend: Anstatt aus Ostasien oder dem indischen Subkontinent zu beziehen, können europäische Hersteller ihre Lieferketten verkürzen, indem sie einen Teil der Produktion nach Tunesien verlagern, von wo aus kurze Schiffsrouten zu südeuropäischen Häfen führen.
Mehr als 70 österreichische Unternehmen sind laut dem österreichischen Außen- und Europapolitik-Bericht 2024 bereits in Tunesien präsent. Ihre Aktivitäten erstrecken sich auf die Elektro- und Elektronikindustrie, Textilien, Agrarlebensmittel und Dienstleistungen. OMV, die österreichische Öl- und Gasgruppe, gehört zu den am längsten etablierten Investoren. Für Wien geht es bei der neuen Mission darum, diesen Fußabdruck zu vergrößern, insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien, grüner Wasserstoff, Umwelttechnologien und Infrastruktur.
Die Verbindung zum Süd-H2-Korridor
Die Wirtschaftskammer Österreich hat besonders auf die potenzielle Rolle Tunesiens im Süd-H2-Korridor hingewiesen, einem geplanten Wasserstoff-Pipelinenetzwerk, das die nordafrikanische Produktion mit Italien, Österreich und Deutschland verbinden soll. Das Projekt, das von mehreren europäischen Regierungen unterstützt und als EU-Projekt von gemeinsamem europäischem Interesse eingestuft wird, würde grünen Wasserstoff, der mittels nordafrikanischer Solar- und Windkraft produziert wird, über unterseeische und überirdische Pipelines zu Industriekunden in Mitteleuropa transportieren.
Für österreichische Unternehmen ergibt sich eine doppelte Logik. Tunesien ist gleichzeitig ein Markt für Umwelt- und Industrietechnologie, eine wettbewerbsfähige Produktionsbasis und ein Tor zu den breiteren nordafrikanischen und subsaharischen Märkten. Das Interesse der Delegation an der Produktion von grünem Wasserstoff in Tunesien ist nicht abstrakt. Falls der Süd-H2-Korridor gebaut wird, sind die Unternehmen, die jetzt Positionen in der tunesischen Wasserstoffinfrastruktur aufbauen, gut platziert, wenn die Pipeline in Betrieb geht, was nach derzeitigem Zeitplan für die frühen 2030er Jahre vorgesehen ist.
Die algerische Etappe
Die Delegation macht nicht in Tunesien Halt. Vom 30. September bis 2. Oktober reist dieselbe Unternehmensgruppe nach Algier weiter, wo ähnliche Foren und bilaterale Gespräche geplant sind. Algerien, ein weitaus größerer Energieexporteur als Tunesien, bietet andere Möglichkeiten, insbesondere bei Erdgas, wo es bereits erhebliche Mengen nach Südeuropa liefert, sowie bei Solarenergie, wo sein Sahara-Gebiet über reichlich Sonneneinstrahlung verfügt.
Die kombinierte Reiseroute signalisiert, dass Wien Nordafrika als Region und nicht als Ansammlung einzelner Märkte betrachtet. Für Unternehmen, die im Bereich Energieinfrastruktur, Umwelttechnologie und industrielle Modernisierung tätig sind, bieten die beiden Länder komplementäre Vorteile: Tunesien als kleinere, diversifiziertere Basis mit stärkeren EU-Handelsbeziehungen und Algerien als großer Energieversorger mit tiefen bestehenden Verbindungen zu europäischen Gasmärkten.
Was die Zahlen nicht zeigen
Handelszahlen und Unternehmenszählungen erfassen nur einen Teil der Beziehung. Der Rückgang der österreichischen Exporte nach Tunesien um 17,5 Prozent im ersten Halbjahr 2025 ist erwähnenswert. Falls dieser Rückgang einen breiteren Trend widerspiegelt und nicht nur eine Schwankung innerhalb eines einzelnen Zeitraums darstellt, wirft dies die Frage auf, ob österreichische Unternehmen auf dem tunesischen Markt an Boden verlieren, möglicherweise an türkische, chinesische oder andere europäische Konkurrenten. Die Organisatoren der Mission werden sich darüber im Klaren sein, dass diplomatische Besuche und Wirtschaftsforen nicht automatisch zu Verträgen führen, insbesondere in Volkswirtschaften, in denen Beschaffungsprozesse langsam sein können und regulatorische Unsicherheit fortbesteht.
Auch die politische Lage Tunesiens verdient Beachtung. Das Land steht seit 2021 vor anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und institutioneller Unsicherheit, als Präsident Kais Saied die Exekutivgewalt konsolidierte, was Kritik von europäischen Partnern hervorrief. Ungeachtet aller Rhetorik über Partnerschaft und Investitionen müssen europäische Unternehmen, die den tunesischen Markt betreten, mit Währungsrisiken, bürokratischer Komplexität und einer unsicheren Reformentwicklung umgehen. Die österreichische Delegation wird optimistische Briefings hören, aber die kommerzielle Realität vor Ort kann weniger entgegenkommend sein.
Erwähnte Personen
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Wolfgang Hattmannsdorfer
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Jochen Danninger
Organisationen
Austrian Federal Economic Chamber · Advantage Austria · CONNECT International · OMV