Die deutsche Metall- und Elektroindustrie steuert auf ihre bedeutendste Lohnrunde seit Jahren zu, wobei beide Seiten von grundlegend unterschiedlichen Realitäten ausgehen. Die IG Metall, die größte Industriegewerkschaft des Landes, fordert für die 3,7 Millionen Beschäftigten, die unter die Branchentarifverträge fallen, zumindest den Schutz der Reallöhne. Eine eigene Umfrage unter 267.000 Mitgliedern zeigt, dass eine relative Mehrheit von 47,8 Prozent "moderate" Lohnerhöhungen befürwortet, während 35 Prozent einen "kräftigen" Anstieg wollen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hingegen berichtet, dass nur 19 Prozent der Mitgliedsunternehmen ihre Finanzlage als gut einschätzen und jedes vierte Unternehmen Verluste macht.
Gewerkschaft sieht Forderung als Schutz vor Deindustrialisierung
Christiane Benner, Vorsitzende der IG Metall, wies jeden Gedanken an Lohnzurückhaltung zurück. "Verzicht bringt nichts", sagte sie. Sie argumentierte, dass Unternehmen und Politiker eine gemeinsame Verantwortung dafür tragen, Industriearbeitsplätze in Deutschland zu halten und eine Deindustrialisierung zu verhindern. Lohnkosten machten nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus, stellte sie fest. Die Strategie der Gewerkschaft verknüpft Lohnforderungen mit einer "Anti-Dumping-Strategie" und Local-Content-Vorgaben, um die Wertschöpfung zu schützen. Wo Unternehmen tatsächlich Schwierigkeiten haben, erklärte Benner, sei die Gewerkschaft bereit zu verhandeln, jedoch nur im Austausch gegen Investitionszusagen, Produktgarantien und Arbeitsplatzsicherheit.
Die Umfrage der Gewerkschaft zeigt auch eine Spaltung darin, wie die Arbeitnehmer ihre eigenen Arbeitgeber wahrnehmen. Knapp die Hälfte, 31,7 Prozent plus 14,5 Prozent, beschreibt die Lage ihres Unternehmens als gut oder sehr gut. Etwa jeder Fünfte sieht sie als schlecht oder sehr schlecht. Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Schiffbau und Energieunternehmen liefen gut, so die Gewerkschaft, während die Automobilbranche und Dienstleister unter Druck stünden.
Arbeitgeber zeichnen ein düstereres Bild
Gesamtmetall weist die Lesart der Gewerkschaft zurück. Eine eigene Umfrage kommt zum Ergebnis, dass nur 19 Prozent der M+E-Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage als gut einstufen. Ein Viertel schreibt rote Zahlen. Der Verband warnt, dass Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverluste bereits im Gange seien und dass das Ignorieren dieser Realität an ihr nichts ändere. Das gemeinsame Ziel beider Seiten müsse die Senkung der Kosten sein, um die deutsche Industriebasis zu retten, so das Argument. Die Kluft ist nicht nur rhetorisch: Sie bestimmt den Verhandlungsrahmen. Wenn Arbeitgeber glauben, ums Überleben zu kämpfen, während Arbeitnehmer Reallohngewinne erwarten, ist diese Diskrepanz strukturell und nicht zyklisch bedingt.
Branchenunterschiede erschweren ein einheitliches Abkommen
Die Metall- und Elektrobranche ist kein Monolith. Die Tarifverträge umfassen den Maschinenbau, die Metallverarbeitung, die Elektrotechnik und den sonstigen Fahrzeugbau neben der Automobilbranche. Einige Teilsektoren wie Verteidigung, Luft- und Raumfahrt, Schiffbau und Energie profitieren von Aufrüstungsausgaben und Investitionen in die Energiewende. Andere, insbesondere Automobilzulieferer, stehen unter dem Druck der Elektrifizierung, des chinesischen Wettbewerbs und der schwachen Nachfrage. Eine einheitliche prozentuale Erhöhung, die auf dieses gesamte Spektrum angewendet wird, wird bei einigen Unternehmen zwangsläufig nicht passen. Diese Spannung gab es schon immer, aber die aktuelle Spreizung zwischen Gewinnern und Verlierern ist größer als in früheren Runden.
Die 35-Stunden-Woche wird zum Zankapfel
Benner nahm Mercedes-Benz ins Visier, das davor gewarnt hatte, Gewerkschaftserfolge infrage zu stellen, die gar nicht Gegenstand der Verhandlungen seien. "Die 35-Stunden-Woche und der Achtstundentag gehören zum identitätsstiftenden Kern unserer Gewerkschaft", sagte sie. "Wir haben dafür gekämpft, sie wurden uns nicht geschenkt. Und wir werden weiterhin dafür kämpfen." Ein Übergang zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich komme einer Lohnkürzung von 14 Prozent gleich, rechnete sie vor. Die Intervention signalisiert, dass die IG Metall davon ausgeht, einige Arbeitgeber könnten das schwierige Umfeld nutzen, um bereits abgeschlossene Themen wieder aufzurollen, eine Taktik, die die Gewerkschaft mit Entschiedenheit blockieren will.
Volkswagen ist hiervon ausgenommen
Bemerkenswerterweise ist Volkswagen, Deutschlands größter Industrierbeitgeber, in dieser Runde nicht vertreten. Der Wolfsburger Konzern unterliegt einem separaten Haustarifvertrag, der Ende 2026 ausläuft. Dieser Vertrag war bereits Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen über Werkschließungen und Kostensenkungen. Das Ausscheiden bedeutet, dass der Branchentarifvertrag die internen Verhandlungen bei VW weder direkt einschränkt noch erleichtert, aber das Ergebnis wird als Maßstab dienen. Erreicht die IG Metall hier eine starke Erhöhung, wird der VW-Betriebsrat sich darauf berufen. Begnügt sich die Gewerkschaft mit weniger, wird das Management dies tun.
Der Zeitplan lässt wenig Spielraum
Der terminliche Ablauf ist eng getaktet. Der Bundesvorstand der IG Metall wird die Lohnforderung am 23. September nach Anhörung der regionalen Tarifkommissionen beschließen. Die ersten Gespräche mit den Arbeitgeberverbänden beginnen am 7. Oktober. Die aktuellen Tarifverträge laufen am 31. Oktober aus. Entscheidend ist, dass die Parteien vereinbart haben, auf eine nachlaufende Friedenspflicht zu verzichten, was bedeutet, dass Warnstreiks rechtlich schon am 1. November beginnen können. Damit entfällt die übliche Pufferzeit und die Wahrscheinlichkeit von Arbeitskämpfen vor Weihnachten steigt. Beide Seiten kennen den Zeitplan, keine Seite hat einen Anreiz, frühzeitig nachzugeben.
Erwähnte Personen
Organisationen
IG Metall · Gesamtmetall · Mercedes-Benz · Volkswagen