Deutschland hat ein neues Paradox in seiner Trinkkultur. Junge Männer trinken seltener, weit seltener als zu irgendeinem Zeitpunkt in einem halben Jahrhundert, aber wenn sie trinken, trinkt fast die Hälfte von ihnen noch immer im Exzess. Die aktuelle Erhebung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), durchgeführt zwischen April und Juli 2025, stellt die Zahlen in scharfer Deutlichkeit dar: 45,8 % der 18- bis 25-jährigen Männer berichteten von mindestens einer Episode von Rauschtrinken, definiert als fünf oder mehr Drinks an einem einzelnen Anlass in den vorangegangenen 30 Tagen, während nur 34,7 % angaben, mindestens einmal pro Woche Alkohol zu konsumieren. Der wöchentliche Wert ist der niedrigste seit Beginn der Reihe 1973.

Ein Plateau, das nicht bricht

Die Rauschtrinkquote unter jungen Männern hat sich kaum bewegt. 2023 lag sie bei 46,2 %; der Rückgang um 0,4 Prozentpunkte 2025 ist statistisch vernachlässigbar. Das BIÖG beschreibt das Niveau als "Fortsetzung auf hohem Plateau, wie seit Jahren." Die einzige jüngere Unterbrechung kam 2021, als Pandemieeinschränkungen die Quote auf 37,8 % drückten. Diese Anomalie verschwand, als das gesellschaftliche Leben wieder öffnete. Bei jungen Frauen verläuft die Entwicklung anders: Rauschtrinken fiel zwischen 2023 und 2025 von 32,0 % auf 26,1 %, ein signifikanter Rückgang, der die Geschlechterlücke auf fast 20 Prozentpunkte ausweitet.

Die Erhebung, bekannt als Drogenaffinitätsstudie, befragte 7.001 Personen im Alter von 12 bis 25 Jahren. Ihr Umfang und ihre Konsistenz machen sie zum verlässlichsten Längsschnittbild des Substanzkonsums in Deutschland. Die Definition von Rauschtrinken, fünf Standardgläser an einem Anlass, entspricht der Schwelle der Weltgesundheitsorganisation für schweres episodenhaftes Trinken und erlaubt internationale Vergleiche. Nach diesem Maß bleiben Deutschlands junge Männer unter den stärksten episodischen Trinkern Europas, auch wenn ihre Gesamtkonsumhäufigkeit abnimmt.

Wöchentliches Trinken bricht quer durch alle Gruppen ein

Der Rückgang des regelmäßigen Trinkens beschränkt sich nicht auf junge Männer. Bei Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren fiel der wöchentliche Konsum auf 14,3 %. Bei 12- bis 17-Jährigen gaben 9,2 % der Jungen und 4,1 % der Mädchen an, mindestens einmal pro Woche zu trinken. Das sind historische Tiefstwerte. Vor zwanzig Jahren hatten drei Viertel der Jugendlichen Alkohol probiert; heute liegt der Wert bei 60,7 % für Jungen und 57 % für Mädchen. Das Durchschnittsalter beim ersten Drink blieb bei 15, beim ersten Rausch bei 16, was darauf hindeutet, dass der Einstieg nicht früher erfolgt, sondern einfach weniger universell wird.

Public-Health-Forscher führen den Frequenzrückgang auf mehrere Faktoren zurück: strengere Durchsetzung des gesetzlichen Kaufalters (16 für Bier und Wein, 18 für Spirituosen), schulbasierte Präventionsprogramme und einen Kulturwandel, bei dem Nüchternheit oder Mäßigung unter der Generation Z weniger stigmatisiert sind. Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat einen parallelen Rückgang der Pro-Kopf-Reinalkoholverkäufe seit den frühen 2000er Jahren dokumentiert, was die selbstberichteten Daten der Erhebung stützt.

Warum der Rausch bestehen bleibt

Wenn junge Menschen seltener trinken, warum bleibt die Rauschquote bei Männern so hoch? Soziologen verweisen auf die Ritualfunktion schweren Trinkens in männlichen Peergroups, auf Festivals, Fußballwochenenden, Universitätsinitiationsriten, wo Rausch weiterhin ein Bindungsmechanismus bleibt. Auch die Getränkemischung spielt eine Rolle: günstige hochprozentige Fertigmischungen und Energy-Drink-Kombinationen senken den Preis pro Alkoholeinheit und machen schnellen Rausch erschwinglich. Die Steuerpolitik hat nicht Schritt gehalten; Deutschlands Alkoholsteuern gehören zu den niedrigsten in der EU, und eine geplante Reform zur Inflationsindexierung scheiterte vergangenes Jahr im Bundestag.

Hinzu kommt ein Messnuance. Die Erhebung erfasst ein 30-Tage-Rückblickfenster. Ein Befragter, der einmal im Monat rauscht, sagen wir auf einem Festival, wird gleich gewertet wie einer, der es jedes Wochenende tut. Die wöchentliche-Trink-Metrik erfasst Gewohnheit; die Rausch-Metrik erfasst Intensität. Die Divergenz deutet auf eine Polarisierung hin: eine schrumpfende Kohorte häufiger moderater Trinker und eine stabile Kohorte seltener, aber schwerer Trinker.

Der Pandemie-Ausreißer und was er enthüllte

Der Rückgang auf 37,8 % im Jahr 2021 ist aufschlussreich. Mit geschlossenen Clubs, abgesagten Festivals und Versammlungsverboten verdunsteten die Gelegenheiten für soziales Rauschtrinken. Die Quote erholte sich vollständig, sobald die Beschränkungen fielen, was bestätigt, dass das Verhalten sozial vermittelt ist und nicht allein durch individuelle Pathologie getrieben wird. Es zeigte auch, dass die zugrundeliegende Neigung elastisch ist: ändert sich die Umwelt, kann sich das Verhalten rasch verschieben. Diese Erkenntnis ist für die Politik relevant, Umweltsteuerungshebel wie Öffnungszeiten, Outlet-Dichte und Veranstaltungslizenzen können den Ausschlag geben.

Früher Beginn, langer Schatten

Das Durchschnittsalter der ersten Intoxikation, 16 Jahre, fällt mit einem kritischen neuroentwicklungsbedingten Fenster zusammen. Der präfrontale Cortex, der Impulskontrolle und Risikobewertung steuert, reift erst Mitte 20 vollständig aus. Hendrik Streeck, der Bundesbeauftragte für Suchtfragen, formulierte es drastisch: "Alkohol trifft junge Menschen in einer Lebensphase, in der sich Gehirn und Körper noch entwickeln. Alkohol könne diese Entwicklung stören, deshalb sei gerade das Rauschtrinken für junge Menschen besonders riskant." Sein Amt forderte strengere Vermarktungsbeschränkungen für gesüßte alkoholische Getränke, die Jugendliche ansprechen, eine Maßnahme, die der Koalitionsvertrag erwähnt, aber noch nicht gesetzlich umgesetzt hat.

Epidemiologische Evidenz verknüpft frühes schweres episodenhaftes Trinken mit höherem lebenslangem Risiko für Alkoholabhängigkeit, kognitive Defizite und Unfälle. Eine Kohortenstudie 2023 des Deutschen Zentrums für Suchtforschung (DZSK) ergab, dass Männer, die mit 18 monatliches Rauschtrinken berichteten, dreimal häufiger mit 30 Abhängigkeitskriterien erfüllten als jene, die nicht rauschten. Die BIÖG-Daten können keine Kausalität belegen, aber die Assoziation ist konsistent über europäische Kohorten hinweg.

Geschlechterdivergenz und die Marketingfrage

Der starke Rückgang des Rauschtrinkens bei jungen Frauen, von 32,0 % auf 26,1 % in zwei Jahren, hat keine einzelne Erklärung. Einige Forscher verweisen auf den Aufstieg "sober curious"-Social-Media-Communities, die überproportional weiblich sind. Andere merken an, dass Alcopops, historisch an junge Frauen vermarktet, Regalplatz an Hard Seltzers und Craft Biere verloren haben, die männlich geprägt sind. Die Branche bestreitet jeden kausalen Zusammenhang und argumentiert, Produktinnovation folge der Nachfrage. Klar ist: Die Geschlechterlücke beim schweren episodenhaften Trinken, die sich in den 2000ern verengte, hat sich wieder geweitet.

Politische Landschaft: inkrementelle Schritte, strukturelle Lücken

Deutschlands Föderalismus erschwert Alkoholpolitik. Das Jugendschutzgesetz setzt Kaufalter, aber Vollzug liegt bei den Ländern, und Testkauf-Compliance variiert stark. Werbebeschränkungen unterliegen einem freiwilligen Branchenkodex, den die WHO wiederholt als unzureichend kritisierte. Auf EU-Ebene empfiehlt Europas Plan zur Bekämpfung von Krebs Mindestpreise pro Einheit und Gesundheitswarnlabels; Deutschland hat keines von beidem übernommen. Der Koalitionsvertrag von 2021 versprach eine "umfassende Alkoholstrategie", ein Entwurf zirkulierte 2024, bleibt aber unveröffentlicht.

Besteuerung bleibt der wirksamste Hebel. Eine OECD-Modellrechnung 2022 schätzte, dass eine Anhebung der Verbrauchsteuern auf den EU-Median das schwere episodenhafte Trinken bei 18- bis 25-Jährigen um rund 8 % senken und jährlich 1,2 Mrd. Euro zusätzliche Einnahmen generieren würde. Das Finanzministerium widerstand, mit Verweis auf Grenzhandel und die kulturelle Bedeutung von Bier. Resultat ist ein Politikvakuum, in dem Public-Health-Ziele, die nationale Strategie zielt darauf ab, erwachsenes Rauschtrinken bis 2030 unter 20 % zu drücken, keinen glaubwürdigen Pfad haben.

Erwähnte Personen

  • Hendrik Streeck

    Federal Government Commissioner for Addiction Issues, Bundesministerium für Gesundheit

Organisationen

Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit · Bundesministerium für Gesundheit