Friedrich Merz trat am Mittwoch ans Rednerpult des Bundestags und lieferte die schärfste Absage an die Alternative für Deutschland seit seinem Amtsantritt als Kanzler. Anlass war eine Regierungserklärung zur Wahl in Sachsen-Anhalt, wo die AfD soeben rund 44 Prozent der Stimmen errungen hatte, ein Ergebnis, das für eine vom Inlandsgeheimdienst als rechtsextremistisch eingestufte Partei in keinem deutschen Land seit Gründung der Bundesrepublik einen Präzedenzfall darstellt.

Ein Ergebnis, das die östliche Landkarte neu schreibt

Die Zahlen vom Sonntag sind eindeutig. Die 44 Prozent der AfD bedeuten eine nahezu Verdopplung ihres Ergebnisses von 2021, während Merz' Christdemokraten auf 17,2 % abstürzten, fast genau halb so viel wie zuvor. Die Sozialdemokraten, Merz' Koalitionspartner, rutschten in den einstelligen Bereich. Erstmals seit 1945 ist eine vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Partei die stärkste Kraft in einem Landtag. Doch die AfD verfehlte die absolute Mehrheit um drei Sitze, was sie abhängig von einem Partner macht, sollte sie regieren wollen.

Diese Arithmetik bestimmte den parlamentarischen Schlagabtausch. Alice Weidel, AfD-Chefin und Fraktionsvorsitzende im Bundestag, eröffnete mit der Erklärung, Merz' Koalition mit der Mitte-links sei „pulverisiert“ und seine „Zeit abgelaufen“. Merz entgegnete, die AfD habe in Sachsen-Anhalt keine Mehrheit gewonnen und werde auch bundesweit keine gewinnen. „Ihr seid und bleibt eine destruktive Kraft“, sagte er und warf der Partei Wählerbetrug vor: Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hatte vor der Wahl versprochen, nur mit einer Mehrheit zu regieren, dann aber wenige Stunden nach dem Ergebnis angekündigt, eine solche zu suchen.

Migration, Remigration und das ökonomische Argument

Kern der Konfrontation war die Migration. Weidel behauptete, „tägliche Messergewalt und Angriffe in Zügen und Bahnhöfen“ seien die Frucht der Masseneinwanderung. Merz konterte mit einer Statistik, die zum zentralen Argument seiner Regierung für einen offenen Arbeitsmarkt geworden ist: Jeder sechste Fachkraft in Deutschland habe einen Migrationshintergrund. Würde die „Remigrations“-Politik der AfD, ein Begriff, den die Partei für die Massendeportation von Menschen mit ausländischen Wurzeln nutzt, umgesetzt, sagte er, „könnte kein einziges Pflegeheim, kein Krankenhaus und kein Restaurant funktionieren“. Er fügte hinzu, diese Politik sei „nichts anderes als ein Synonym für ethnische Säuberung im Handwerk nach Hautfarbe und Herkunft“.

Der Kanzler räumte ein, dass Abschiebungen von Personen ohne Aufenthaltsrecht notwendig seien und seine Regierung diese beschleunige. Doch er zog eine Trennlinie zwischen Vollzug und der breiteren Agenda der AfD, die Menschen ins Visier nehme, die seit Jahren in Deutschland lebten, arbeiteten und Steuern zahlten. Das Statistische Bundesamt (Destatis) schätzt, dass rund 24 Millionen Menschen in Deutschland, etwa 29 Prozent der Bevölkerung, einen Migrationshintergrund haben, eine Zahl, die seit den Flüchtlingsankünften 2015 und dem Zustrom aus der Ukraine nach 2022 stetig gewachsen ist.

Die Brandmauer hält, vorerst

Seit der AfD 2017 in den Bundestag einzog, wahrt jede etablierte Partei eine „Brandmauer“ und verweigert Zusammenarbeit auf Bundes- und Landesebene. Dieser Konsens steht nun vor seiner härtesten Probe. In Sachsen-Anhalt hat die AfD Gespräche mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) aufgenommen, der linkspopulistischen Partei, die am Sonntag 11 Prozent holte. Eine BSW-AfD-Koalition wäre ein politisches Novum: eine rechtsextreme Partei regiert mit einer linksextremen, vereint hauptsächlich durch Ablehnung von Migration, Klimapolitik und militärischer Unterstützung für die Ukraine.

Siegmunds Stellvertreterin brachte sogar ins Spiel, die CDU könnte einer solchen Regierung beitreten, wenn sie die Brandmauer aufgibt. Merz schloss das am Mittwoch kategorisch aus. Doch der Druck ist sichtbar. In Thüringen und Sachsen, wo die AfD auch vor den Landtagswahlen 2027 in Umfragen führt, hatten die CDU-Landesverbände Mühe, Regierungen ohne AfD oder BSW zu bilden. Die Bundes-CDU beteuert, die Brandmauer stehe; Landeschefs fragen sich, wie lange das haltbar ist, wenn Wähler sie dafür bestrafen.

Trumps Empfehlung und ein verschobener Anruf

Die internationale Dimension kam über Truth Social. Donald Trump feierte den „really big night“ der AfD und knüpfte ihn an „absolutely horrible immigration rules and regulations“. Die Empfehlung ist nicht die erste des US-Präsidenten, doch sie wiegt schwer in einer deutschen Debatte, in der die transatlantischen Beziehungen ohnehin durch Handelsstreit und divergierende Ukraine-Ansätze belastet sind. Ein geplantes Telefonat zwischen Trump und Merz zum 25. Jahrestag der 9/11-Anschläge wurde am Mittwoch verschoben. Der Regierungssprecher nannte keinen Grund und keinen neuen Termin. In Berlin geht man davon aus, dass das Weiße Haus den Anruf nicht als Belohnung für Merz erscheinen lassen wollte, nachdem Trump dessen innenpolitischen Gegner öffentlich umarmt hatte.

Unruhe im Plenum

Den Ton der Sitzung gaben AfD-Störungen vor. Abgeordnete brüllten Merz nieder, beschimpften Kabinettsmitglieder und ignorierten wiederholte Rufe zur Ordnung. An einem Punkt warnte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner: „Wir sind nicht auf einem Fußballplatz.“ Sie drohte mit ihrer Befugnis, Abgeordnete des Saales zu verweisen, ein Schritt, der in der Nachkriegsgeschichte des Parlaments selten vorkommt. Die Störung ist bewusste AfD-Taktik: den Bundestag als Theater elitärer Kollusion darzustellen und eine Basis zu mobilisieren, die parlamentarische Ordnung als Zwang des Volkswillens sieht.

Erwähnte Personen

  • Friedrich Merz

    Chancellor of Germany, Christian Democratic Union

  • Alice Weidel

    Leader of the Alternative for Germany, Alternative für Deutschland

  • Julia Klöckner

    President of the Bundestag, German Bundestag

  • Ulrich Siegmund

    AfD candidate for state premier, Alternative für Deutschland Saxony-Anhalt

  • Donald Trump

    President of the United States, White House

Organisationen

Christian Democratic Union · Alternative für Deutschland · Social Democratic Party of Germany · Bündnis Sahra Wagenknecht · German Bundestag · Federal Office for the Protection of the Constitution