An einem Donnerstagmorgen im August, als eine Hitzeglocke über Nordeuropa lag und die Windräder sich kaum drehten, bezog Großbritannien ein Fünftel seines Stroms über Seekabel vom Kontinent. Französische Atomkraftwerke lieferten allein 3,54 Gigawatt und deckten damit 11 Prozent des britischen Bedarfs. Das war mehr als das Doppelte dessen, was alle Windparks des Vereinigten Königreichs zusammen in jener Stunde erzeugten.
Die Zahlen veranschaulichen eine Abhängigkeit, die sich über ein Jahrzehnt des Interkonnektorbaus eingeschlichen hat. Großbritannien verfügt mittlerweile über sieben Hochspannungsverbindungen nach Frankreich, in die Niederlande, nach Belgien, Dänemark und Norwegen. Über ein ganzes Jahr gesehen importiert das Land gut ein Zehntel seines Stroms auf diesem Weg. An Tagen, an denen die heimische Erzeugung schwächelt, steigt der Anteil stark an. Die ökonomische Logik stimmt: Französischer Atomstrom ist häufig billiger als der Betrieb britischer Gaskraftwerke, und an windigen, sonnigen Tagen kehrt sich der Fluss um, sodass Großbritannien seine erneuerbaren Überschüsse ins Ausland verkaufen kann.
Ein Sommer, der das System auf die Probe stellt
Der Sommer 2026 hat diese Logik wiederholt auf die Probe gestellt. Eine Folge von Hitzewellen trieb die Nachfrage nach Klimaanlagen in die Höhe, während gleichzeitig der Wirkungsgrad von Gasturbinen sank und die Kühlung französischer Atomreaktoren erschwert wurde. Teile der Erzeugungskapazität waren für routinemäßige Wartung vor dem Winter vom Netz. Hinzu kam wenig Wind. Das Ergebnis war eine Reihe von Tagen, an denen Großbritannien stark auf Importe angewiesen war, und der für die Stromversorgung zuständige Betreiber Schritte unternahm, die die Nachbargrinsen erschütterten.
Am 23. Juni kappte der National Energy System Operator (Neso) die Exporte in die Niederlande kurzfristig. Das britische Netz hatte fast zwei Stunden lang unter den bevorzugten Frequenzgrenzen gearbeitet, wenn auch nicht in Verletzung gesetzlicher Vorgaben. Eine Untersuchung zu den Vorgängen jenes Abends läuft noch.
Im Juli ging Neso noch weiter. Der Betreiber wies Großhandelshändler an, an mehreren Stunden im Day-Ahead-Markt keinen Strom über vier Interkonnektoren zu exportieren, ein Eingriff, um sicherzustellen, dass Großbritannien genug Strom für den Eigenbedarf behält. Der Eingriff wurde von der Financial Times berichtet und löste scharfe Reaktionen bei kontinentalen Betreibern aus, die auf planbare Flüsse angewiesen sind.
Phil Hewitt, Direktor beim Energiemarktspezialisten Montel, bringt die kontinentale Sicht auf den Punkt: "Die Auswirkungen, wenn Neso Interkonnektoren kurzfristig umdisponiert, können Probleme verursachen, besonders für kleinere Märkte wie Belgien und die Niederlande." Die Sorge ist nicht abstrakt. Belgien und die Niederlande haben kleinere Netze, die anfälliger für plötzliche Richtungswechsel auf grenzüberschreitenden Kabeln sind.
Strengere Regeln nach den Störungen
Als Reaktion auf die Sommerstörungen wurde der vertragliche Rahmen für sechs britische Interkonnektoren im Mai verschärft. Späte Änderungen der Stromflussrichtung an jedem Kabel, jene, die Großbritannien mit Belgien, Dänemark, Frankreich und den Niederlanden verbinden, sind nun auf 300 Megawatt pro Verbindung begrenzt. Die Beschränkung soll verhindern, dass plötzliche Umkehrungen die Nachbarmärkte erneut in Bedrängnis bringen.
Peter Atherton, unabhängiger Energieanalyst, skizziert offen, wie Großbritannien jenseits des Kanals wahrgenommen wird: "Das Vereinigte Königreich wird potenziell als das schwache Glied im europäischen System gesehen." Ein Land, das stark importiert, dann aber die Exporte abrupt drosselt, wenn das eigene Netz unter Druck gerät, ist ein Nachbar, den kontinentale Betreiber als unzuverlässig betrachten könnten.
Norwegen wendet sich gegen neue Kabel
Großbritannien ist nicht das einzige Land, das politische Reibungen über grenzüberschreitenden Strom erlebt. Norwegen, dessen gewaltige Wasserkraftkapazitäten es zum natürlichen Stromeurexporteur machen, hat neue Interkonnektorprojekte nach einem Verbraucheraufstand gegen die heimischen Strompreise faktisch gestoppt. Norwegische Wähler machten die bestehenden Kabel dafür verantwortlich, ihre Preise an die höheren Kontinentalmärkte zu koppeln und so die Rechnungen im Inland in die Höhe zu treiben.
2023 strich Oslo die Pläne für ein zweites 1,4-Gigawatt-Kabel nach Peterhead in Schottland, das die Kapazität des bestehenden North Sea Link verdoppelt hätte. Die Entscheidung sendete ein klares Signal: Billiger norwegischer Wasserstrom wird nicht mehr als unerschöpfliche Ressource für europäische Nachbarn behandelt. Mainstream-Parteien in Norwegen und Schweden haben sich dem Bau weiterer Verbindungen gegenüber kühler gezeigt, ein Stimmungswandel, der die üblichen politischen Gräben überschreitet.
Der norwegische Fall veranschaulicht einen breiteren Zielkonflikt. Die Ökonomik der Vernetzung setzt voraus, dass Strom dorthin fließt, wo er den höchsten Preis erzielt, und so Preisunterschiede zwischen Märkten ausgleicht. Doch Wähler in Exportländern sehen ihre Rechnungen steigen, um die Nachfrage in Importländern zu bedienen, und wehren sich dagegen. Wie die Internationale Energieagentur dokumentiert hat, war die Kopplung der Strommärkte in Europa auf Effizienzgewinne ausgelegt, nicht auf eine Umverteilung der Kosten von Hochpreis- in Niedrigpreisländer. Die politische Reaktion in Oslo deutet darauf hin, dass das Design überdacht werden muss.
Die Le-Pen-Variable
Ein noch größeres Risiko bahnt sich in Frankreich an, obwohl es in Großbritannien bemerkenswert wenig Beachtung findet. Marine Le Pen, die derzeit in den Umfragen vor der französischen Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr führt, hat angekündigt, Frankreich aus dem Europäischen Union grenzüberschreitenden Stromsystem herauszuführen, das eng mit dem britischen Markt gekoppelt ist. Ihre Partei Rassemblement National argumentiert, französische Verbraucher würden weniger zahlen, wenn das Land weniger von seinem Atomstrom exportiere.
Französische Energieunternehmen blicken mit Sorge auf den Vorschlag. Sie halten ihn für ökonomisch selbstschädigend und eine Bedrohung für die Stabilität des Kontinentalnetzes. Doch der politische Reiz ist offensichtlich: Frankreich hat dank seiner Atomflotte den billigsten Strom Westeuropas, und das Versprechen, mehr davon im eigenen Land zu behalten, ist eine potente Wahlkampfbotschaft.
Hewitt ist sich über die Folgen für Großbritannien im Klaren: "Es würde Preiserhöhungen für britische Verbraucher und Fragen zur Versorgungssicherheit geben, wenn der Rassemblement National in Frankreich an die Macht käme und seine Politik umsetze." Er fügt hinzu, dass der Trend über Frankreich hinausgehe: "Mainstream-Parteien in Norwegen und Schweden sind zunehmend gegen den Bau weiterer Interkonnektoren, sie sagen: 'Es reicht.' Wenn es keinen weiteren Ausbau mehr gibt und Frankreich sagt: 'Wir schicken euch keinen Strom mehr', wird die Lage prekärer." Er räumt ein, dass dies "ein Extremfall" sei, besteht aber darauf: "Das politische Risiko ist da. Populismus kann Ärger machen."
Warum Paris und Oslo überproportional zählen
Nicht alle Interkonnektoren haben das gleiche strategische Gewicht. Die französischen und norwegischen Kabel sind diejenigen, die Großbritannien beständig mit billigem Strom versorgen. Die Verbindungen nach Belgien, Dänemark und in die Niederlande sehen mehr Zweiwegeverkehr, wobei die Flüsse je nach Marktlage drehen. Würde entweder Frankreich oder Norwegen die Exporte drosseln, wäre der Effekt auf die britische Versorgung sofort und erheblich. Die anderen Kabel könnten das nicht ausgleichen.
Diese Asymmetrie ist wichtig, weil Neso die Politik am fernen Ende eines Seekabels nicht kontrollieren kann. Der Auftrag des Betreibers ist es, das britische Netz stabil zu halten, und das hat er in diesem Sommer getan, wenngleich zu erheblichem Preis. Gaskraftwerke wurden an Tagen der Sonnenfinsternis und bei wenig Wind mit hohen Preisen zum Anfahren bewegt. Auch Interkonnektorimporte waren teuer. Doch das System hielt. Die Frage ist, ob es halten kann, wenn der politische Rahmen, der es trägt, zu bröckeln beginnt.
Die demokratische Realität hinter dem Energienationalismus
Atherton benennt die zugrundeliegende Dynamik ohne Umschweife: "Es ist eine fundamentale Tatsache des demokratischen Lebens, dass kein Land Strom exportieren wird, wenn das potenzielle Blackouts in den eigenen Städten bedeutet. Das wäre politischer Selbstmord, egal welche Verträge bestehen." Das ist die Kernherausforderung für grenzüberschreitende Strommärkte. Verträge und Regulierungen können festlegen, wer zu welchem Preis Strom kaufen darf. Sie können nicht eine Regierung außer Kraft setzen, die beschließt, dass die eigenen Bürger zuerst kommen.
Der Trend beschränkt sich nicht auf Europa. Energienationalismus ist in so unterschiedlichen Ländern wie Indonesien aufgetaucht, das Nickellexporte beschränkte, um die heimische Verarbeitung zu begünstigen, und Indien, das Zölle auf Weizenexporte verhängte. In jedem Fall ist die Logik dieselbe: Inländische Wähler erwarten, dass ihre Regierung ihren Zugang zu essenziellen Ressourcen priorisiert. Strom ist da keine Ausnahme, und je sichtbarer Interkonnektorkabel als Quelle importierter Energie werden, desto politischer exponierter werden sie.
Europas Netze sind komplexer geworden, seit die erneuerbare Erzeugung expandiert. Die Versorgung ist dezentralisiert. Intraday-Preisschwankungen sind extremer. Angebot und Nachfrage auszugleichen ist schwieriger als zu Zeiten, als eine Handvoll großer Thermalkraftwerke nach Bedarf disponiert werden konnten. Interkonnektoren sollten diese Komplexität beherrschen, indem sie Überschussstrom in einem Land Engpässe in einem anderen füllen ließen. Im Prinzip tun sie das noch. In der Praxis stehen die politischen Annahmen hinter ihnen unter Druck.
Ein besseres Gleichgewicht, noch Jahre entfernt
Der mittelfristige Ausblick bietet etwas Entlastung. Großbritannien wird in den kommenden zehn Jahren erhebliche erneuerbare Kapazitäten und neue Atomkraft hinzufügen. Irgendwann in den 2030er Jahren sollte das Land vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur von Strom werden, laut Energiedaten des Office for National Statistics und Regierungsprognosen. Dieser Übergang würde die strategische Verwundbarkeit verringern, die der Sommer 2026 offengelegt hat.
Der kurzfristige Horizont ist eine andere Sache. Bis in die frühen 2030er Jahre bleibt Großbritannien von der Bereitschaft seiner Nachbarn abhängig, Strom über den Kanal und die Nordsee zu schicken. Jeder Sommer mit extremer Hitze und Flaute wird diese Bereitschaft testen. Jeder politische Wandel in Oslo oder Paris wird die Rechnung neu justieren.
Für den Moment funktioniert die gesamteuropäische Stromkooperation noch. Kabel führen Strom. Märkte clearen. Doch die Ereignisse dieses Sommers haben gezeigt, wie schnell operativer Stress in diplomatische Reibung umschlagen kann und wie leicht Energienationalismus die in grenzüberschreitenden Verträgen verankerten Annahmen außer Kraft setzen kann. Eine Sonnenfinsternis zu managen, wie Neso es ohne Zwischenfall tat, ist dagegen ein Kinderspiel.
Erwähnte Personen
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Phil Hewitt
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Peter Atherton
Organisationen
National Energy System Operator · Montel · National Rally