Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat ein freiwilliges Pilotprojekt zur Dateneinreichung gestartet, das Arzneimittelentwicklern, wissenschaftlichen Gruppen und Auftragsforschungsinstituten ermöglicht, Ergebnisse aus tierversuchsfreien Testmethoden mit den Aufsichtsbehörden zu teilen, ohne diese an einen Zulassungsantrag binden zu müssen. Das Verfahren läuft bis zum dritten Quartal 2027, danach plant die Agentur die Veröffentlichung eines öffentlichen Erfahrungsberichts.

Funktionsweise des Pilotprojekts

Das Programm deckt New Approach Methodologies ab, ein regulatorischer Begriff, der von menschlichen Zellen abgeleitete Organoide, mikrophysiologische Systeme wie Organs-on-Chips sowie Computer- oder In-silico-Modelle umfasst. Die Teilnehmer reichen Datenpakete über ein EMA-Portal ein. Gutachter der wissenschaftlichen Ausschüsse der Agentur und der nationalen zuständigen Behörden prüfen das Material anschließend, um die wissenschaftliche Validität und die regulatorische Relevanz zu beurteilen. Es werden keine Gebühren erhoben, und das Verfahren ist ausdrücklich von jeglichen laufenden oder geplanten Zulassungsverfahren entkoppelt.

Diese Trennung ist entscheidend. In der gängigen Praxis gelangen nichtklinische Daten nur im Rahmen eines formellen Dossiers zu den Aufsichtsbehörden, wo es um alles oder nichts geht: Zulassung oder Ablehnung. Durch die Schaffung eines Kanals mit geringem Risiko hofft die EMA, ein breiteres Spektrum an Methoden zu sehen, einschließlich frühzeitiger oder negativer Ergebnisse, die Unternehmen niemals in einem Zulassungsdossier einreichen würden.

Warum die Agentur jetzt aktiv wird

Zwei Entwicklungen kommen zusammen. Erstens hat sich das wissenschaftliche Instrumentarium gewandelt. Organoide Kulturen und Multi-Organ-Chips bilden heute menschliche Gewebereaktionen mit einer Präzision nach, die vor einem Jahrzehnt noch unwahrscheinlich war. Mit alten Toxizitätsdatensätzen trainierte Machine-Learning-Modelle prognostizieren Off-Target-Effekte schneller als Nagetierstudien. Zweitens zieht sich der politische Zeitplan an. Die Überarbeitung der Arzneimittelgesetzgebung durch die Europäische Kommission, deren Verabschiedung vor Ende der aktuellen Legislaturperiode erwartet wird, wird voraussichtlich stärkere Verpflichtungen zur Nutzung tierversuchsfreier Methoden enthalten, sofern diese wissenschaftlich gerechtfertigt sind. Die EMA benötigt eine empirische Grundlage für die Ausarbeitung von Durchführungsleitlinien.

Das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) ist seit der Richtlinie 2010/63/EU EU-Recht, aber die Durchsetzung beruhte auf nationalen Inspektoren, die einzelne Studienprotokolle überprüften. Eine zentralisierte Evidenzbasis, die aus freiwilligen Einreichungen entsteht, verleiht der Agentur etwas, das ihr bisher fehlte: einen von Regulatoren erstellten Datensatz, um NAMs mit den Tierversuchen zu vergleichen, die sie ersetzen sollen.

Anreize und Vorbehalte der Industrie

Für große Pharmaunternehmen bietet das Pilotprojekt die Chance, interne NAM-Programme abzusichern. Wenn ein rechnergestütztes Toxizitätsmodell die Prüfung durch die EMA im Pilotprojekt besteht, kann das Unternehmen diesen Präzedenzfall anführen, wenn dasselbe Modell in einem künftigen Dossier auftaucht. Kleine Biotech-Unternehmen und akademische Labore erhalten Zugang zu regulatorischer Sichtbarkeit, ohne die Kosten eines vollständigen wissenschaftlichen Beratungsverfahrens auf sich nehmen zu müssen, das sich auf Zehntausende Euro belaufen kann.

Dennoch ist die Teilnahme nicht garantiert. Das Pilotprojekt ist freiwillig, und die Agentur hat ausdrücklich klargestellt, dass die Einbeziehung in das Verfahren keine Validierung oder Anerkennung für künftige regulatorische Zwecke darstellt. Einige Unternehmen könnten proprietäre Methoden zurückhalten, anstatt sie in einem Forum offenzulegen, in dem Konkurrenten auf die strategische Richtung schließen könnten. Andere warten möglicherweise auf ein Signal der US-amerikanischen Food and Drug Administration, die über ein eigenes Alternativmethoden-Programm verfügt, aber das europäische Modell der freiwilligen Einreichung nicht kopiert hat.

Die regulatorische Lücke, die das Pilotprojekt schließen soll

Die aktuellen EU-Leitlinien, insbesondere die harmonisierten Texte ICH M3(R2) und S6(R1), basieren auf Toxizitätsstudien an Nagern und Nicht-Nagern. Sie lassen Abweichungen zu, sofern diese wissenschaftlich gerechtfertigt sind, die Beweislast liegt jedoch beim Antragsteller. Ohne einen gemeinsamen Bezugsrahmen erfordert jede neue Methode eine Einzelfallverhandlung. Das Pilotprojekt zielt darauf ab, ausreichend geprüfte Fälle zu sammeln, um Reflexionspapiere oder schließlich Leitlinienkapitel zu entwerfen, die klare Evidenzstandards für bestimmte NAM-Klassen festlegen.

Dieser Ehrgeiz stößt auf eine strukturelle Grenze. Die wissenschaftlichen Ausschüsse der EMA tagen nach festen Zeitplänen, und die Gutachter sind durch steigende Zulassungsaufkommen bereits stark belastet. Der Durchsatz des Pilotprojekts wird davon abhängen, wie viele Prüfer abgestellt werden können, ohne dass Kernverfahren verzögert werden. Der Erfahrungsbericht muss die Ressourcenfrage offen ansprechen, wenn das Modell skaliert werden soll.

Was der Erfahrungsbericht leisten muss

Der angekündigte Bericht, der nach dem Ende des Pilotprojekts Ende 2027 erwartet wird, ist der Mechanismus, der Einreichungen in Politik ummünzt. Um nützlich zu sein, muss er quantifizieren, wie viele Einreichungen eingingen, welcher Anteil welche NAM-Kategorie behandelte, wie viele als wissenschaftlich ausreichend für eine definierte regulatorische Frage eingestuft wurden und wo Evidenzlücken verbleiben. Eine rein narrative Zusammenfassung würde den Gesetzgebern die Kennzahlen vorenthalten, die sie benötigen, um verbindliche Anforderungen in die nächste Arzneimittelrichtlinie zu schreiben.

Ebenso wichtig ist Transparenz bei Meinungsverschiedenheiten. Wenn nationale zuständige Behörden bei der Eignung einer Methode unterschiedlicher Meinung sind, sollte der Bericht diese Meinungsverschiedenheit dokumentieren. Die Stärke des EU-Regulierungsnetzwerks liegt in seiner dezentralen Expertise. Das Vertuschen von Meinungsverschiedenheiten würde genau das Vertrauen untergraben, das das Pilotprojekt aufzubauen sucht.

Organisationen

European Medicines Agency