Der Chef von Siemens Energy hat gewarnt, dass Deutschland von Angriffen auf seine Energieinfrastruktur härter getroffen wird als andere europäische Länder und dass die Bedrohung in den vergangenen 18 Monaten stark zugenommen hat. Christian Bruch sagte der Deutschen Presse-Agentur am 4. September, dass sowohl physische Sabotage als auch Cyber-Vorfälle zunähmen und Deutschland nicht ausreichend darauf vorbereitet sei, Schäden schnell zu beheben.
Eine ungewöhnlich deutliche Bestandsaufnahme eines CEOs
Unternehmensführer in Deutschland wählen ihre Worte in Sicherheitsfragen meist mit Bedacht. Bruch, der eines der größten Energietechnikunternehmen des Landes leitet, tat dies nicht. „Wir müssen erkennen, dass kritische Infrastrukturen nicht vollständig geschützt werden können“, sagte er. „Meiner Meinung nach hat sich die Bedrohungslage in den letzten 12 bis 18 Monaten deutlich verschärft.“
Diese Aussage wiegt schwer angesichts der Position von Siemens Energy. Das Unternehmen, das sich 2020 von der Siemens-Gruppe abgespalten hat und weltweit rund 103.000 Menschen beschäftigt, davon 27.000 in Deutschland, entwickelt, fertigt und liefert Technologie für Stromerzeugung und -übertragung. Es ist der betreffenden Infrastruktur nah genug verbunden, um einen klaren Blick auf das tatsächliche Geschehen vor Ort zu haben.
Warum Deutschland stärker gefährdet ist
Bruchs Argumentation zur Verletzlichkeit Deutschlands ist vor allem geografischer Natur. „Wir sind als großes Land, das in einem Konflikt ein Transitland wäre und eine Schlüsselrolle spielt, besonders exponiert“, sagte er. „Wir müssen uns dessen bewusst sein. Und auch die Öffentlichkeit sollte sich dessen bewusst sein.“
Deutschland liegt im Zentrum der europäischen Energienetze. Seine Gaspipelines, Strom-Interkonnektoren und Netze bedienen nicht nur inländische Verbraucher, sondern auch Nachbarstaaten. Eine Störung der deutschen Infrastruktur hätte kaskadenartige Auswirkungen auf den ganzen Kontinent, was sie zu einem logischen Ziel für jeden Akteur macht, der Druck auf Europa als Ganzes ausüben will.
Die Vorfälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen
Bruch verwies auf jüngste Angriffe auf das Stromnetz in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen als Beweis. Ermittler sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei beiden Vorfällen um verfassungsfeindliche Sabotage handelte, ein Begriff, den deutsche Behörden für politisch motivierte Angriffe auf die demokratische Ordnung verwenden. Die Details des Brandenburger Falls, bei dem raketengleiche Sprengsätze in der Nähe von Netzinfrastruktur gefunden wurden, haben besondere Aufmerksamkeit erregt.
Dies sind keine isolierten Vorfälle. Deutsche Sicherheitsbehörden warnen seit Monaten, dass die Energieanlagen des Landes einem erhöhten Sabotagerisiko ausgesetzt sind, wobei der Verdacht häufig auf Akteure mit Verbindungen zu Russland fällt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat wiederholt auf hybride Bedrohungen einschließlich Infrastrukturangriffen als wachsende Besorgnis hingewiesen.
Die Reparaturlücke
Bruchs auffälligster Punkt betraf nicht den Schutz, sondern die Wiederherstellung. „Wir müssen sicherstellen, dass wir Schäden schnell beheben können“, sagte er. „Heute wären wir darauf nicht ausreichend vorbereitet.“ Der rechtliche Rahmen existiere, fügte er hinzu, aber die operative Fähigkeit fehle.
Er verwies auf die Ukraine als Vorbild. Ukrainische Energieunternehmen haben schnelle Reparaturteams, kurze Meldeketten und vorgelagerte Ersatzteile entwickelt, um nach russischen Raketenangriffen die Stromversorgung wiederherzustellen. Bruch argumentierte, dass Deutschland etwas Ähnliches brauche: nicht nur Wachen und Firewalls, sondern die organisatorische Fähigkeit, das Licht wieder einzuschalten, wenn die Verteidigung versagt.
„Das ist viel wichtiger, als zu glauben, ich könne alles schützen“, sagte er. Die Bemerkung ist eine leise Herausforderung der gängigen Annahme in deutschen politischen Kreisen, dass Regulierung und Härtung kritische Systeme sicher halten können. Bruch deutet an, dass einige Ausfälle unvermeidbar sind und der Fokus auf Resilienz liegen sollte.
Cyberangriffe steigen parallel
Physische Sabotage ist nur ein Teil des Bildes. „Vorfälle nehmen zu, und auf der Cyber-Seite steigt die Häufigkeit von Angriffen auf die Infrastruktur deutlich“, sagte Bruch. Der Kommentar deckt sich mit Berichten der deutschen Inlandsgeheimdienste, die einen anhaltenden Anstieg von Cyber-Einbrüchen dokumentiert haben, die sich gegen Energiebetreiber richten.
Die Energieinfrastruktur sieht sich einer doppelten Bedrohung ausgesetzt: physischen Angriffen auf Umspannwerke, Kabel und Pipelines sowie digitalen Angriffen auf Steuerungssysteme. Beides kann kombiniert werden. Ein Cyber-Einbruch, der die Überwachung lahmlegt, könnte einen physischen Angriff schwerer erkennbar und abwehrbar machen. Bruchs Verweis auf hybride Angriffe war ausdrücklich: „Wir müssen akzeptieren, dass all dies ein Zeichen für hybride Angriffe sein kann.“
Eine selbstverschuldete Verwundbarkeit
Eine der spitzeren Beobachtungen Bruchs betraf etwas überraschend Alltägliches: die Beschilderung. Deutschland, so stellte er fest, hat die Angewohnheit, seine kritische Infrastruktur gut sichtbar zu beschriften. „Ich muss nicht an jedem wichtigen Infrastrukturelement ‚Achtung, wichtige Schaltanlage‘ schreiben“, sagte er. „Das machen wir in Deutschland sehr sichtbar. Das ist nicht unbedingt ideal.“
Die Bemerkung bringt einen Konflikt in der deutschen Infrastrukturplanung auf den Punkt. Transparenz- und Informationspflichten, die oft im Sicherheitsrecht verwurzelt sind, können versehentlich jedem helfen, der einen Angriff plant. Ein Schild, das ein wichtiges Umspannwerk identifiziert, ist praktisch für Wartungstrupps. Es ist auch praktisch für Saboteure.
Der Plan für zivile Operationen
Bruch forderte den schnellen Abschluss des deutschen Plans für zivile Operationen, einem Rahmenwerk zur Reaktion auf Krisen, das die Energie- und Wasserinfrastruktur sowie die Lebensmittelversorgung abdecken soll. Der Plan wird schon länger diskutiert, aber die Fortschritte sind langsam. Bruchs Intervention fügt dem, was bisher weitgehend ein bürokratischer Prozess war, wirtschaftlichen Druck hinzu.
Deutschlands Ansatz zur Zivilverteidigung wurde von Jahrzehnten relativen Friedens geprägt. Die Infrastruktur für die Notfallplanung des Landes durfte nach dem Kalten Krieg verkommen, und ihr Wiederaufbau hat sich als politisch und administrativ schwierig erwiesen. Russlands Krieg in der Ukraine hat das strategische Bild verändert, aber diese Veränderung in operative Bereitschaft umzusetzen, kostet Zeit und Geld.
Erwähnte Personen
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Christian Bruch
Organisationen
Siemens Energy