Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte ein rechtsextremer Politiker ein Ministerpräsidentenamt besetzen. Die Alternative für Deutschland (AfD) ging aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in einer Position hervor, die es ihr ermöglicht, den Ministerpräsidenten zu stellen, eine Schwelle, die keine vom Inlandsgeheimdienst als rechtsextrem eingestufte Partei auf Landesebene im Nachkriegsdeutschland überschritten hat.
Nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Petra Dobner ist das Ergebnis ein dramatischer historischer Moment. Fast die Hälfte der Wähler des Landes war bereit, einer Partei, die der Inlandsgeheimdienst als erwiesen rechtsextrem bezeichnet, Regierungsverantwortung zu übertragen. Ob die AfD tatsächlich eine Regierung bilden kann, hängt von der Koalitionsarithmetik und der Bereitschaft anderer Parteien ab, Unterstützung zu gewähren oder zu verweigern.
Ein Ergebnis ohne Präzedenzfall
Bei acht vorangegangenen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt belegte die Christlich Demokratische Union (CDU) in allen bis auf eine, die Ausnahme war 1998, den ersten Platz. Die Leistung der AfD bricht dieses Muster vollständig auf. Die Partei hat nicht nur einen großen Stimmenanteil gewonnen; sie hat ein Niveau erreicht, auf dem die Frage nach einer von der AfD geführten Regierung in einem deutschen Bundesland erstmals eine praktische Möglichkeit ist und nicht mehr nur eine theoretische Projektion.
Dobner, die dem ARD-Hauptstadtstudio Rede und Antwort stand, war eindeutig in ihrer Bewertung der Bedeutung. Auf die Frage, ob das Prädikat "historisch" zutreffe, sagte sie: "Ja, ich würde sagen, es ist ein dramatischer historischer Moment. Ein Bundesland hat es für möglich erachtet, eine erwiesen rechtsextreme Partei mit fast der Hälfte seiner Wähler als Regierungspartei zu sehen." Sie fügte hinzu, dass die Folgen für eine mögliche Veränderung des Landes durch die AfD abzuwarten blieben.
Warum Sachsen-Anhalt empfänglich war
Die Frage, warum dieser Durchbruch gerade in Sachsen-Anhalt gelang, hat zwei Ebenen. Die erste ist strukturell. Dobner beschrieb das Land als eine Region mit hoher Wählervolatilität, was bedeutet, dass ein großer Teil des Wahlvolks keine festen Parteibindungen hat und zwischen den Wahlen zu wechseln bereit ist. Diese Volatilität schuf eine Öffnung.
Die zweite ist strategisch. Die AfD operiere, so Dobners Analyse, mit "wenig Fakten und viel Emotion". In einem Land, in dem Frustration tief sitzt, nicht nur über die Wirtschaft, sondern über ein umfassenderes Gefühl politischer Vernachlässigung, , fand dieser Ansatz ein empfängliches Publikum. Dobner war deutlich: Viele Wähler seien "bereit, etwas zu glauben, das nicht eingelöst wird." Die Kluft zwischen dem, was die AfD verspricht, und dem, was sie liefern kann, besonders bei der Infrastruktur, wo die Finanzierung fehlt, werde deutlich werden, sobald die Partei regieren muss statt nur zu opponieren.
Der Ost-West-Bruch, der nie verheilte
Dobner führt den Erfolg der AfD auf Spaltungen zurück, die der Wiedervereinigung um Jahrzehnte vorausgehen. Der Unterschied zwischen Ost und West, so argumentierte sie, sei nicht bloß eine Frage zweier verschiedener Staaten, die durch einen Eisernen Vorhang getrennt waren. Er habe grundlegend unterschiedliche Lebensrealitäten hervorgebracht: Westdeutsche konnten reisen; Ostdeutsche nicht. Die eine Gesellschaft war der anderen in politischem und kulturellem Diskurs untergeordnet.
Die Annahme, diese Unterschiede würden sich am Tag der Wiedervereinigung 1990 einfach in Luft auflösen, war in ihren Augen ein Fehler. Stattdessen hielten sich unterschiedliche Mentalitäten und sind nun wieder an die Oberfläche getreten, besonders bei jüngeren Ostdeutschen, die das gebildet haben, was Dobner ein "neues ostdeutsches Gefühl" nannte. Sie findet das beunruhigend, weil die wiederbelebten Traditionen oft wenig mit den gegenwärtigen Realitäten zu tun haben.
Die AfD hat sich als geschickt erwiesen, dieses Sentiment zu pflegen. Dobner verwies auf die Rahmung spezifisch "ostdeutscher Interessen" durch die Partei, sei es durch Figuren wie die Motorradmarke Simson als kulturelles Symbol oder durch AfD-Chef Chrupalla, der CDU-Chef Friedrich Merz vorwarf, Ostdeutsche bis heute nicht zu verstehen. Dieses Narrativ, so vermutete sie, habe gerade deshalb Anklang gefunden, weil es an ein echtes Gefühl der Übergehung anknüpfe, auch wenn die von der AfD angebotenen Lösungen unrealistisch seien.
BSW-Debüt und eine zersplitterte Landschaft
Die Wahl markierte auch das erste Mal, dass das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antrat. Das Abschneiden der Partei kam trotz außergewöhnlicher interner Zerrüttung zustande: Nur wenige Tage vor der Wahl war die BSW-Landtagsfraktion in Thüringen fast einstimmig aus der Partei ausgetreten, weil sie nicht mehr mit Wagenknecht zusammenarbeiten wollte.
Dobner zeigte sich vom Abschneiden des BSW nicht überrascht und verwies darauf, dass die Partei heterogen sei und ihre Landesverbände mit beträchtlicher Unabhängigkeit vom Bundesverband agierten. Die Attraktivität des BSW, so vermutete sie, speise sich aus Friedenssehnsüchten und, bei manchen Wählern, der Hoffnung auf eine Wiederherstellung russischer Gaslieferungen, Positionen, die in Teilen Ostdeutschlands auf fruchtbaren Boden fielen. Der Einzug der Partei in den Landtag fügt der ohnehin schon zersplitterten Landschaft eine weitere Kraft hinzu und macht die Koalitionsbildung noch komplexer.
Eine Landtagswahl mit Bundesecho
Sechs von zehn Wählerinnen und Wählern gaben dem Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap an, ihre Stimme auch als Signal nach Berlin verstanden zu wissen. Das ist bei deutschen Landtagswahlen nicht ungewöhnlich, wo Wähler routinemäßig Landtagskandidaten nutzen, um Unmut über die Bundespolitik zu signalisieren. Aber das Ausmaß ist entscheidend.
Dobner zog eine klare Linie zwischen dem, was das Ergebnis für Sachsen-Anhalt bedeutet, und dem, was es national bedeuten könnte. Die AfD hat die Deutung gefördert, ihr Sieg habe unmittelbare bundespolitische Implikationen, und ihr Wahlprogramm beansprucht Kompetenzen, die weit über die Landeszuständigkeit hinausreichen. Dobners Antwort war direkt: Unabhängig davon, wie die Wähler ihre Stimmzettel meinten, müsse das Ergebnis zunächst in Sachsen-Anhalt bewältigt werden, und seine Folgen würden sich dort entfalten. Ob es in einen breiteren Wandel auf Bundesebene mündet, bleibe eine offene Frage, auch wenn die AfD in bundesweiten Umfragen derzeit die CDU anführt.
Was eine von der AfD geführte Regierung tatsächlich tun würde
Dobner erwartet in den kommenden Wochen und Monaten erheblichen Druck auf Schulen und Kultureinrichtungen. Das 100-Tage-Programm der AfD, so merkte sie an, sei stark symbolisch, und Symbolik werde die erste Arena sein, in der die Partei ihre Spuren zu hinterlassen suche. Die schwierigere Frage sei, ob sie ihre Versprechen, Infrastruktur und öffentliche Dienste zu verbessern, einlösen könne. Diese Zusagen, so Dobner, kämen ohne die dafür nötige Finanzierung.
Die kommenden Wochen werden entscheiden, ob die AfD im Landtag genügend Unterstützung sichern kann, um einen Ministerpräsidenten zu wählen und eine Regierung zu bilden. Dieser Prozess, nicht das Wahlergebnis an sich, wird darüber entscheiden, ob Sachsen-Anhalt das erste von einer rechtsextremen Partei regierte deutsche Bundesland wird oder ob andere Parteien die Reihen schließen, um die AfD trotz ihres Stimmenanteils in der Opposition zu halten.
Erwähnte Personen
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Petra Dobner
Organisationen
Alternative for Germany (AfD) · Sahra Wagenknecht Alliance (BSW)