Nachwahlbefragungen prognostizieren der Alternative für Deutschland 44 Prozent in Sachsen-Anhalt, ein Ergebnis, das sie zur ersten rechtsextremen Partei machen würde, die seit dem Zweiten Weltkrieg eine Landtagswahl in Deutschland gewinnt. Die konservative CDU, die das Land für den größten Teil der Zeit nach der Wiedervereinigung regiert hat, liegt mit 17,8 Prozent zurück. Die Prognose stellt, falls sie durch das Endergebnis bestätigt wird, einen gewaltigen Umbruch in einer Region mit 2,1 Millionen Einwohnern dar, in der der Landesverband der AfD vom Verfassungsschutz bereits als rechtsextremistisch eingestuft wird.
Die Mehrheitsarithmetik
Die meisten Stimmen zu gewinnen, garantiert der AfD nicht die Kontrolle über die Landesregierung. Das Parlament mit 83 Sitzen in Magdeburg vergibt die Sitze proportional, und die Fähigkeit der Partei, eine Mehrheit zu erringen, hängt davon ab, welche kleineren Parteien die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Die entscheidende Variable ist das BSW, eine von Sahra Wagenknecht gegründete linkspopulistische Bewegung. Wenn das BSW fünf Prozent verfehlt, steigt der Sitzanteil der AfD, was ihr möglicherweise eine absolute Mehrheit verschafft. Wenn das BSW in das Parlament einzieht, liegt die AfD aktuellen Prognosen zufolge bei 39 Sitzen, was nicht für die 42 Sitze reicht, die für eine Alleinregierung benötigt werden.
Diese Dynamik der Sperrklausel hat das BSW zu einem unerwarteten Zünglein an der Waage gemacht. Die Partei hat Bereitschaft signalisiert, bei ausgewählten Themen mit der AfD zusammenzuarbeiten, eine Haltung, die die inoffizielle Brandmauer durchbricht, die von CDU, SPD, Grünen und FDP sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene aufrechterhalten wird. Sollte das BSW die Hürde nehmen, müsste die AfD mit einer Partei verhandeln, die wirtschaftlich links von ihr steht, aber ihre Skepsis gegenüber militärischer Unterstützung für die Ukraine und ihren harten Kurs in der Migrationspolitik teilt.
Eine Brandmauer unter Druck
Die Brandmauer hält seitdem die AfD 2017 in den Bundestag eingezogen ist. In Thüringen gewann die Partei im vergangenen Jahr die Landtagswahl, wurde aber aus der Regierung ausgeschlossen, als alle anderen Parteien eine Koalition mit ihr ablehnten. Sachsen-Anhalt könnte die Belastbarkeit der Brandmauer weiter auf die Probe stellen. Der CDU-Politiker Sven Schulze räumte am Wahlabend die Niederlage ein und gestand einen Wahlkampf ein, den er als „extrem hart und intensiv“ bezeichnete. Sein Bundesvorsitzender, Bundeskanzler Friedrich Merz, steht nun einer Partei gegenüber, die in bundesweiten Umfragen führt, während seine eigenen Konservativen auf dem zweiten Platz liegen.
Lars Klingbeil, Bundesvorsitzender der SPD und Vizekanzler in der Berliner Koalition, nannte das Ergebnis ein „Signal an Berlin“ und bestand darauf, dass die Bundesregierung es hören werde. Die SPD, Juniorpartner in der Koalition unter Merz, liegt bundesweit in Umfragen sowohl hinter der CDU als auch der AfD. Für die Sozialdemokraten vertiefen die Ergebnisse im ostdeutschen Land eine Relevanzkrise in Regionen, die einst ihr industrielles Herzland bildeten.
Extremisten-Label und historische Echos
Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als rechtsextremistische Bestrebung ein, eine Bezeichnung, die die Überwachung des Landesverbandes der Partei erlaubt. Siegmund weist das Label zurück, ebenso wie die Bundesführung. Kritiker verweisen auf das „Remigrations“-Programm der Partei, das weithin als Befürwortung von Massenabschiebungen verstanden wird, sowie auf Figuren wie Hans-Thomas Tillschneider, der in seinem Büro einen Becher der russischen Armee stehen hat und Russlands Krieg in der Ukraine als „nicht unser Krieg“ abtut. Die AfD hat auch die Bauhaus-Designschule, die die Nationalsozialisten 1933 schlossen, als Symbol des kulturellen Verfalls ins Visier genommen.
Charlotte Knobloch, die 93-jährige Holocaust-Überlebende, die der Israelitischen Kultusgemeinde München vorsteht, sagte, die Prognose habe sie erschreckt. „An Tagen wie diesem fällt es mir schwer, mein Heimatland noch zu erkennen“, sagte sie und appellierte an die demokratischen Parteien, nicht tatenlos zuzusehen und „diesen Niedergang“ zuzulassen. Ihr Eingreifen hat in einem Land besonderes Gewicht, in dem die Wahldurchbrüche der extremen Rechten an der Erinnerung an 1933 gemessen werden.
Wahlbeteiligung und Stimmung in Magdeburg
Die Wahlbeteiligung erreichte geschätzte 78 Prozent, eine Zahl, die die Bedeutung der Wahl unterstreicht. Im Wahlhauptquartier der AfD in Magdeburg jubelten die Anhänger, als die Prognose erschien, und stimmten dann die Nationalhymne an. Ein Wähler, Ollie, beschrieb Siegmund als einen Anführer, der „uns das gibt, was niemand sonst uns geben kann“. Er fügte hinzu: „Egal welche Regierung, sie versprechen alle nur, dass es besser wird. Das ist eine Partei für die arbeitenden Menschen. Es ist die Alternative für Deutschland.“ Ein solches Empfinden spiegelt eine breitere Entfremdung von den etablierten Parteien wider, die die AfD erfolgreich kanalisiert hat, insbesondere im früheren Ostdeutschland.
Nationale Auswirkungen
Die AfD führt nun in bundesweiten Umfragen, vor der CDU und der SPD. Ihre Stärke bleibt auf die ostdeutschen Länder konzentriert, wo wirtschaftliche Unzufriedenheit, demografischer Rückgang und eine eigene politische Kultur fruchtbaren Boden geschaffen haben. Dennoch deutet der prognostizierte Sieg der Partei in Sachsen-Anhalt nach ihrem Sieg in Thüringen auf eine Konsolidierung hin, die die Bundestagswahl, die bis Herbst 2025 ansteht, umgestalten könnte. Die Regierung unter Merz muss sich nun mit einer rechtsextremen Opposition auseinandersetzen, die erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik einen Landesapparat kontrolliert, einschließlich Polizei und Schulen.
Wie es weitergeht
Erwähnte Personen
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Charlotte Knobloch
Organisationen
Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Social Democratic Party of Germany · BSW · Federal Office for the Protection of the Constitution · Jewish Community of Munich and Upper Bavaria