Die Alternative für Deutschland holte laut am 6. September veröffentlichter Wahlprognosen 44,4 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt, mehr als das Doppelte ihres Ergebnisses von 23,7 Prozent aus dem Jahr 2021, und erzielte damit das stärkste Abschneiden einer rechtsextremen Partei bei einer deutschen Landtagswahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Ob sich das in tatsächliche Macht umsetzen lässt, bleibt offen.
Die Wahlbeteiligung erreichte mit 76,5 Prozent unter den 1,7 Millionen Wahlberechtigten des Landes einen Rekordwert. Hohe Beteiligung sollte die AfD eigentlich schwächen. Stattdessen scheint die Partei sowohl ihren festen Kern als auch frühere Nichtwähler mobilisiert zu haben und lag damit über den endgültigen Umfragewerten, die sie bei 40 bis 41 Prozent sahen.
Ein Ergebnis, das die Landkarte neu zeichnet
Die Dimension des AfD-Vorsprungs ist frappierend. Die Christdemokraten (CDU) von Bundeskanzler Friedrich Merz kamen auf etwa 18,4 Prozent, gefolgt von der Linken mit 9,3 Prozent, den Grünen mit 8,7 Prozent und der SPD mit 8,4 Prozent. Das BSW, ein populistischer Abspalt der Linken, den Sahra Wagenknecht gründete, übersprang entgegen den Erwartungen die 5-Prozent-Hürde und hatte zuvor Bereitschaft signalisiert, bei der Energiereform mit der AfD zusammenzuarbeiten.
Die CDU regiert Sachsen-Anhalt seit 2002, meist in Koalition mit kleineren Parteien. Diese Ära komfortabler konservativer Dominanz ist zu Ende. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann nannte das Ergebnis "bitter" und eine "Niederlage insgesamt", hinzu kam, dass es auch eine Niederlage für alle sei, die in den vergangenen 35 Jahren Verantwortung im Land getragen hätten, ein Verweis auf die gesamte Nachwendezeit.
Die Brandmauer hält, vorerst
Deutschlands etablierte Parteien pflegen seit langem eine Brandmauer gegen jegliche Form der Zusammenarbeit mit der AfD. An dieser Position hat sich nichts geändert. CDU, SPD, Grüne und Linke haben Koalitionen oder Tolerierungsvereinbarungen mit einer Partei ausgeschlossen, die das Bundesamt für Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem einstuft. Die AfD ihrerseits kündigte an, den Verfassungsschutz reformieren zu wollen, den sie als parteiisch bezeichnet.
Die AfD selbst schloss eine Koalitionsteilnahme aus und besteht darauf, nur mit absoluter Mehrheit zu regieren. Während die Auszählung lief, blieb unklar, ob die Partei die 50-Prozent-Marke erreichen würde. Verfehlt sie diese, droht dem Land ein Regierungsvakuum: Keine Kombination etablierter Parteien kommt ohne AfD oder BSW auf eine Mehrheit, und das Rechnen ist extrem knapp.
AfD-Chefin Alice Weidel erklärte, das Ergebnis gebe ihrer Partei einen "klaren Regierungsauftrag", und sie werde "mit allen Parteien" über eine Regierungsbildung sprechen. Diese Gespräche stoßen auf ein sofortiges Hindernis: Die anderen Parteien haben ihre Teilnahme abgelehnt.
Merz unter Druck nach östlichem Einbruch
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war stets ein Test für Friedrich Merz, dessen nationale CDU-SPD-Koalition Schwierigkeiten hat, Versprechen zur Wirtschaftsbelebung oder zur Eindämmung des AfD-Aufstiegs einzulösen. Das Ergebnis macht dieses Scheitern unübersehbar. In einer aktuellen Umfrage äußerten nur 9 Prozent der Wähler im Land Zufriedenheit mit Merz' Politik. Siegmund nannte den Kanzler pointiert "einen sehr guten Wahlkämpfer für die AfD".
Irreguläre Zuwanderung ist seit Merz' Amtsantritt gesunken, aber nicht genug, um Wähler zu beruhigen, für die das Thema zentral bleibt. Die AfD hat die CDU in bundesweiten Umfragen überholt und blickt nun auf die nächsten Bundestagswahlen 2029 oder 2033. Hoppermann schloss jede Diskussion um Merz' Zukunft aus, doch Beobachter erwarten, dass die Frage an Schärfe gewinnt.
Siegmunds Kulturprogramm
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund trat mit einem Programm an, das kulturelle Nostalgie mit harter Migrationspolitik mischte. Er versprach eine sofortige "Remigrations- und Abschiebeoffensive", ein Verbot von Regenbogenfahnen an Schulen und einen Stopp neuer Windkraftanlagen. Er will den Landesslogan von "Denk modern" in "Denk deutsch" ändern und das Singen der Nationalhymne an Schulen wieder einführen.
Im Wahlkampf fuhr Siegmund auf einem DDR-Moped in AfD-Farben und bediente damit, was Deutsche Ostalgie nennen, Sehnsucht nach Aspekten des Lebens in der ehemaligen DDR. Er betonte wiederholt, was er als ausländerbezogene Kriminalität beschrieb, obwohl die Gesamtkriminalität in Sachsen-Anhalt deutlich gesunken ist. Das Parteiprogramm fordert zudem ein Ende der deutschen Unterstützung für die Ukraine und die Aberkennung des Flüchtlingsstatus für Ukrainer.
Wirtschaftliche und sicherheitspolitische Warnungen
Das Institut der deutschen Wirtschaft warnte, die Migrationspolitik der AfD wäre für Sachsen-Anhalt "verheerend", ein Land mit alternder und schrumpfender Bevölkerung, das stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist. Bundesstatistiken zeigen, dass ostdeutsche Bundesländer zu den stärksten demografischen Belastungen des Landes zählen, wodurch die Debatte über Migrationspolitik zur Frage des wirtschaftlichen Überlebens wird, nicht nur der Ideologie.
Kritiker warnten auch davor, dass eine von der AfD geführte Landesregierung, angesichts der kremlfreundlichen Haltung der Partei, sensible Informationen an Russland weitergeben könnte. Die AfD wies diese Vorwürfe zurück.
Vor der Wahl warnte Bischof Gerhard Feige von Magdeburg die Gläubigen vor Kräften, die "Zwietracht säen, Misstrauen und Angst schüren". Mit einem historischen Verweis merkte er an: "Nicht jeder, der demokratisch wählt oder gewählt wird, ist ein Demokrat." Eine Botschaft, die am Samstagabend auf den Magdeburger Dom projiziert wurde, lautete: "Wir geben nicht auf, was wir lieben. Wahre Heimatliebe ist nicht die AfD." Tausende Gegner versammelten sich in Magdeburg zu dem, was die Veranstalter ein "Fest der Demokratie" nannten.
Erwähnte Personen
-
Franziska Hoppermann
Organisationen
Alternative für Deutschland · Christian Democratic Union · BSW (Sahra Wagenknecht Alliance) · German Economic Institute · Federal Office for the Protection of the Constitution