Die AfD hat ihren Stimmenanteil in Sachsen-Anhalt mehr als verdoppelt. Hochrechnungen zur Landtagswahl am Sonntag sehen die rechtsextreme Alternative für Deutschland bei 44,5 Prozent, ein Sprung von den 20,8 Prozent, die sie bei der entsprechenden Landtagswahl 2021 erzielte. Sollte die Auszählung diese Zahlen bestätigen, handelt es sich um das stärkste Abschneiden einer rechtsextremen Partei bei einer Landtagswahl in Deutschland seit der Gründung der Bundesrepublik.
Die Mitte-rechts-CDU, die Sachsen-Anhalt seit mehr als zwei Jahrzehnten regiert, stürzte von 37,1 auf 18,5 Prozent ab. Die Wahlbeteiligung erreichte 76,5 Prozent, ein Rekord für das Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern. Der Zustrom für die AfD beruhte sowohl auf der Mobilisierung bisheriger Nichtwähler als auch auf der Gewinnung von Wählern, die zuvor andere Parteien gewählt hatten.
Ein Programm, das über Einwanderung hinausgeht
Das Programm „Vision 2026“ der AfD reicht weit über die Grenzkontrollen hinaus, die ihre bundesweite Kommunikation dominieren. Im Bildungsbereich schlägt die Partei vor, Flüchtlingskinder in eigene Klassen auszugliedern und Kinder mit Behinderungen aus Regelschulen zu entfernen. Schulgebäuden wäre es untersagt, Regenbogenflaggen zu hissen. Der Lehrplan würde an dem ausgerichtet, was die Partei „patriotische Kulturpolitik“ nennt, mit täglicher Flaggenhissung und dem Singen der Nationalhymne bei Schulveranstaltungen.
Zur Migrationspolitik würde eine von der AfD geführte Landesregierung eine Taskforce einrichten, um Abschiebungen zu beschleunigen und „alle rechtlichen Wege“ zu nutzen, um die islamische Religionsausübung einzuschränken. Die Partei hat zudem versprochen, den Kriegsflüchtlingsstatus für Ukrainer infrage zu stellen, mit dem Argument, dass Flüchtlinge, solange die Kampfhandlungen auf die Ostukraine konzentriert seien, im Westen des Landes Zuflucht suchen sollten statt in Deutschland.
Der öffentliche Rundfunk würde abgeschafft. Kulturelle Einrichtungen würden ihre staatliche Finanzierung verlieren. Die Partei stellt einen Zusammenhang zwischen dem, was sie „sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensstile“ nennt, und sinkenden Geburtenraten her und verspricht, Familien zu fördern, die aus Mutter, Vater und Kindern bestehen.
Das Geheimdienst-Dilemma
Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom deutschen Inlandsgeheimdienst, dem Bundesamt für Verfassungsschutz, als rechtsextremistische Gruppierung eingestuft. Diese Einstufung schafft eine unbequeme Realität: Eine Partei, die vom eigenen Sicherheitsapparat des Staates als extremistisch eingestuft wird, würde im Falle einer Regierungsübernahme im Land die Zuständigkeit für die innere Sicherheitspolitik und Zugang zu verschlusssachenrelevanten Erkenntnissen erhalten.
Die Auswirkungen reichen über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus. Die Landesregierungen sind im Bundesrat, dem Oberhaus Deutschlands, vertreten und verfügen über weitreichende Befugnisse in den Bereichen Bildung, Polizei und Kultur. Ein von der AfD geführtes Bundesland hätte eine Plattform, um seine Agenda auf Bundesebene voranzutreiben.
Die Arithmetik des Ausschlusses
Die AfD verfehlte die für eine absolute Mehrheit benötigten 50 Prozent. Ob sie an die Regierung gehen kann, hängt davon ab, wie sich kleinere Parteien im Verhältnis zur 5-Prozent-Hürde für den Parlamentseinzug schlagen und ob eine Partei bereit ist, die sogenannte Brandmauer zu durchbrechen, also die parteiübergreifende Vereinbarung, Rechtsextreme von der Macht fernzuhalten.
Alle Parteien in Sachsen-Anhalt mit Ausnahme des linkspopulistischen BSW haben eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Das BSW, bundesweit unter der Führung von Sahra Wagenknecht, verbindet linkswirtschaftliche Positionen mit konservativen gesellschaftlichen Ansichten und Skepsis gegenüber militärischer Unterstützung für die Ukraine. Seine inhaltliche Ausrichtung überschneidet sich mit der AfD in mehreren Bereichen. Doch selbst ein formelles Bündnis aus AfD und BSW würde den aktuellen Hochrechnungen zufolge wahrscheinlich keine regierungsfähige Mehrheit erreichen.
Alice Weidel, die Bundesvorsitzende der AfD, erklärte nach Veröffentlichung der Hochrechnungen, die Partei werde „mit jeder vernünftigen Partei sprechen, mit der sie in politischen Positionen gemeinsamen Boden finden kann“. Diese Formulierung lässt Raum für informelle Absprachen, auch wenn bisher keine Partei Bereitschaft signalisiert hat.
Hält die Brandmauer?
Die Alternative zu einer von der AfD geführten Regierung wäre eine Koalition der etablierten Parteien, doch die Arithmetik ist ernüchternd. Die Brookings Institution bewertete die Aufgabe, eine von der CDU geführte Regierungsmehrheit zu organisieren, als mit „nahezu unüberwindbaren Schwierigkeiten“ behaftet. Die CDU hat eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen, der sozialistischen Partei, die bei den Hochrechnungen auf 9,4 Prozent kommt. Die Linkspartei hat signalisiert, sie würde eine von der CDU geführte Regierung unterstützen, um die AfD aus der Regierung zu halten. Die CDU-Spitze stößt jedoch bei einem Arrangement mit einer Partei, die sie als linksextrem betrachtet, auf internen Widerstand.
Ministerpräsident Sven Schulze, CDU-Mitglied, gratulierte der AfD zu ihrem Ergebnis und erkannte sie als stärkste Kraft im Land an. Diese Formulierung durchbrach bereits die übliche Brandmauer-Disziplin.
Ein bundesweites Problem für Merz
Das Ergebnis aus Sachsen-Anhalt stellt eine direkte Bedrohung für Bundeskanzler Friedrich Merz dar. Bundesweit kommt die AfD nun auf 29 Prozent und ist damit die beliebteste Partei in Deutschland. Merz weist eine Unzufriedenheitsrate von 85 Prozent auf, der schlechteste Wert für einen Kanzler seit der Gründung der Bundesrepublik.
Merz sagte vor der Wahl, er werde „alles tun, was wir können, um zu verhindern, dass Sachsen-Anhalt in die Hände der Radikalen fällt“. Er hat die CDU in der Migrationspolitik bereits nach rechts gerückt, um Wähler zurückzugewinnen. Ob diese Strategie aufgeht oder lediglich die Positionen der AfD legitimiert, ist eine Frage, die durch die Hochrechnungen noch drängender geworden ist.
Lars Klingbeil, SPD-Vorsitzender und Vizekanzler in Merz' Koalition, sagte dem öffentlich-rechtlichen Sender ZDF, das Ergebnis sei „ein Signal für die Berliner Politik“ und die Regierung werde über ihre Politik reflektieren. Diese Formulierung eines Regierungsparteivorsitzenden räumt ein, dass die Wähler die Koalition bestrafen, anstatt lediglich die Opposition zu belohnen.
Die europäische Dimension
Die pro-russische Haltung der AfD fügt eine Dimension hinzu, die über Deutschlands Grenzen hinausreicht. Berlin wurde bereits vorgeworfen, bei Waffenlieferungen an die Ukraine zu zögerlich zu sein. Eine erstarkte AfD wird noch stärker gegen militärische Unterstützung vorgehen, und ihr wachsendes politisches Gewicht macht diesen Druck für die Bundesregierung schwerer ignorierbar. Der Aufruf der Partei, Ukrainern den Kriegsflüchtlingsstatus abzuerkennen, würde, falls auf Länderebene umgesetzt, sowohl mit Brüssel als auch mit Kiew Konflikte schaffen.
Erwähnte Personen
Organisationen
Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Social Democratic Party of Germany · Free Democratic Party · Bündnis Sahra Wagenknecht · Die Linke