Die Alternative für Deutschland (AfD) hat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 % der Stimmen geholt, den Anteil der christlich-demokratischen Union (CDU) damit mehr als halbiert und das beste Landeswahlergebnis der Parteigeschichte eingefahren. Vorläufige amtliche Ergebnisse vom 6. September bestätigen einen drastischen Wandel in einem Land mit nur 2,1 Millionen Einwohnern, das lange als festes CDU-Territorium galt.
Dennoch bringt das Ergebnis die AfD in eine schwierige Lage. Hochrechnungen zufolge erhält sie 39 der 83 Sitze im Magdeburger Landtag, drei Sitze fehlen zur absoluten Mehrheit von 42. Ohne Koalitionspartner kann die Partei keine Regierung bilden. Und jede andere im Parlament vertretene Fraktion verweigert seit Jahren die Zusammenarbeit.
Die Arithmetik, die die Macht blockiert
Das politische Establishment Deutschlands hält an dem aufrecht, was es Brandmauer nennt: dem kollektiven Verzicht etablierter Parteien, auf irgendeiner Ebene Koalitionsvereinbarungen mit der AfD zu schließen. Diese Linie hält seit dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017; kein AfD-Politiker hat seither in einer der 16 Landesregierungen gesessen.
In Sachsen-Anhalt steht die Brandmauer nun vor ihrer härtesten Probe. Die CDU, die das Land unter Ministerpräsident Sven Schulze regierte, stürzte auf 17,2 % ab. Schulze vermied zunächst eine klare Aussage, ob die Brandmauer hält, erklärte später aber, er strebe keine Zusammenarbeit mit der AfD an. Die Linke scheidet als CDU-Partner nach langjähriger Parteilinie aus. Damit bleibt Schulze nur der Versuch, ein Bündnis aus mehreren kleineren Parteien zu schmieden, eine Konstellation, die von vornherein fragil wäre und weit weniger Rückhalt in der Bevölkerung genösse als die Opposition.
Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, erklärte, er wolle allen Parteien die Hand reichen, die einen grundlegenden Politikwechsel im Land wollten. Gleichzeitig betonte er, die AfD werde sich den Bedingungen anderer Parteien nicht beugen. Der Widerspruch zwischen beiden Aussagen blieb unaufgelöst.
Was die AfD für Sachsen-Anhalt verspricht
Siegmund pflegt im Land ein markantes Auftreten, tritt häufig auf einem in der DDR produzierten Simson-Schwalbe-Motorroller auf, auch beim Gang zur Urne am Sonntag in seiner Heimatstadt Tangermünde. Die Inszenierung zielt direkt auf die regionale Identität: Stolz auf ostdeutsche Industriekultur, Nostalgie für Aspekte des Lebens vor 1989 und ein seit über drei Jahrzehnten fortbestehender Groll gegenüber den wohlhabenderen westdeutschen Ländern.
Der freundlichen Inszenierung steht ein radikales Programm gegenüber. Siegmunds Wahlkampf versprach eine „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ gegen irregulär eingereiste Migranten ab dem ersten Amtstag. Die Partei will Regenbogenfahnen an Landesschulen durch die Deutschlandfahne ersetzen und den Geschichtsunterricht so ändern, dass der Schwerpunkt auf dem Nationalsozialismus verringert wird. Gegen den demografischen Schrumpfprozess schlägt die AfD „Babyprämien“ für Familien vor und wirbt um die Rückkehr deutscher Auslandsdeutscher als Ersatz für zugewanderte Arbeitskräfte.
Das Institut der deutschen Wirtschaft warnte, dieser Ansatz wäre ruinös für Sachsen-Anhalt, wo zugewanderte Beschäftigte, insbesondere in der Pflege, einen unverzichtbaren Teil der Arbeitskraft stellen. Ihr Wegfall ohne sofortigen Ersatz würde Kliniken und Pflegeheime überfordern, die ohnehin unter Personalmangel leiden.
Eine als extremistisch eingestufte Organisation an der Urne
Ein Faktor, der das Sachsen-Anhalt-Ergebnis selbst nach AfD-Verhältnissen ungewöhnlich macht: Der Landesverband wird vom Landesverfassungsschutz formal als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Die Einstufung, die die Partei als politisch motiviert zurückweist, erlaubt den Behörden, interne Kommunikation und Aktivitäten enger zu überwachen als bei etablierten Parteien.
Die Einstufung schreckte Wähler nicht ab. Im Gegenteil: Die AfD-Inszenierung als Opfer staatlicher Verfolgung scheint die Unterstützung in einer Region, in der das Misstrauen gegen Bundesbehörden tief sitzt, eher gefestigt zu haben. Die Frage ist nun, was passiert, wenn eine vom Verfassungsschutz beobachtete Partei die Kontrolle über genau jenen Staatsapparat erlangt, der sie überwacht.
Sicherheitspolitische Bedenken jenseits von Magdeburg
Georg Maier, Innenminister des Nachbarlandes Thüringen, verschärfte den Ton vor dem Wahltag. Gegenüber dem Handelsblatt argumentierte er, der Kreml mache keinen Hehl daraus, die AfD als wichtigstes Instrument zur Destabilisierung Deutschlands zu betrachten; ein von der AfD geführtes Landesamt für Verfassungsschutz könnte sensible Informationen an Russland weiterleiten. Der Vorwurf lässt sich schwer verifizieren, verweist aber auf eine reale Sorge in Berlin und den Landeshauptstädten: Dass die Kontrolle über Polizei- und Nachrichtendienstressourcen durch eine unter Extremismusverdacht stehende Partei beispiellose Interessenskonflikte schafft.
Ein schlechter Abend für Merz
Für Bundeskanzler Friedrich Merz verschärft das Ergebnis eine ohnehin schwierige Phase. Seine Koalition in Berlin ringt darum, in Europas größter Volkswirtschaft wieder Wachstum zu erzeugen, seine persönlichen Umfragewerte sinken. Am Sonntagabend verließ Merz die CDU-Zentrale, das Konrad-Adenauer-Haus, kurz nach 22 Uhr ohne Statement. Das Schweigen war lauter als jede Konzessionsrede.
Die 17,2 % der CDU bedeuten einen Einbruch in einem Land, das die Partei einst als verlässliches Terrain betrachtete. Schulzes Eingeständnis, seine Partei müsse „mit diesem Ergebnis leben“, war so ehrlich, wie es besiegte Politiker in Deutschland selten sind, und räumte ein, was die Zahlen ohnehin zeigen: Der bürgerliche Block hat den Wählerstrom zur AfD im Osten nicht gestoppt, die bislang probierten Strategien sind gescheitert.
Die Haltbarkeit der Brandmauer in Frage gestellt
Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, erklärte im ARD, die Wähler hätten ein klares Votum abgegeben und die Brandmauer sei von den Wählern definitiv abgelehnt worden. Das ist eine Behauptung, keine Tatsache: Die Brandmauer wird von Parteien aufrechterhalten, nicht von Wählern, und keine etablierte Partei hat die Reihen bisher verlassen.
Doch der Druck wächst. Eine Partei, die bei einer Landtagswahl nahe an 44 % kommt und dennoch nicht regieren kann, legt den Widerspruch im Kern der deutschen Demokratiearchitektur offen. Die Brandmauer soll Extremisten von der Macht fernhalten. Irgendwann, sollte die Zustimmung weiter steigen, wird die Kluft zwischen dem, was Wähler wählen, und dem, was das System zulässt, schwer aufrechtzuerhalten sein. Sachsen-Anhalt hat diesen Punkt noch nicht erreicht. Der AfD fehlt die Mehrheit, und keine Partei will sie ihr verschaffen. Die unmittelbare Frage ist, ob Schulze aus den verbleibenden Splitterparteien eine handlungsfähige Koalition schmieden kann, und wie lange eine solche Regierung gegenüber einer Opposition bestehen kann, die über mehr als das Doppelte ihres Mandats verfügt.
Erwähnte Personen
Organisationen
Alternative for Germany (AfD) · Christian Democratic Union (CDU) · German Economic Institute