Die Alternative für Deutschland hat erreicht, was keiner rechtsextremen Partei seit dem Zweiten Weltkrieg gelang: den ersten Platz bei einer deutschen Landtagswahl. Nachwahlbefragungen des ARD sehen die AfD in Sachsen-Anhalt am Sonntag bei 44,5 %, mehr als doppelt so viel wie die 18,5 %, die Kanzler Friedrich Merz' Christdemokraten erzielten. SPD und Grüne überschritten beide die 5%-Hürde für den Landtag, doch die kombinierte Stärke der traditionellen Parteien garantiert keine Mehrheit mehr.

Ein Ergebnis, die Nachkriegslandkarte neu schreibt

Sachsen-Anhalt, ein Land mit 2,1 Millionen Einwohnern im ehemaligen Ostdeutschland, wurde seit der Wiedervereinigung von der CDU regiert. Der AfD-Anstieg auf fast 45 % bedeutet eine 20-Punkte-Wende gegenüber der letzten Landtagswahl 2021, als die Partei 20,8 % holte und die CDU 37,1 % gewann. Die Wahlbeteiligung von rund 76 % war die höchste bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit 1990, was darauf hindeutet, dass die AfD Wähler mobilisierte, die sonst zu Hause bleiben, und zugleich ehemalige CDU-Wähler für sich gewann.

Ulrich Siegmund, der 35-jährige AfD-Spitzenkandidat, der Tausende zu Kundgebungen im ganzen Land zog, erklärte: "Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben". Er deutete den Sieg als ersten Schritt zur bundesweiten Macht bei der Bundestagswahl 2029. Alice Weidel, die Bundesvorsitzende der Partei, bekräftigte die Aussage, nannte das Ergebnis historisch und bestand darauf, die AfD habe nun einen klaren Regierungsauftrag.

Die Brandmauer hält, vorerst

Deutschlands etablierte Parteien pflegen seit langem eine Brandmauer und verweigern jegliche Koalition oder formale Zusammenarbeit mit der AfD auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Diese Politik bleibt intakt. CDU, SPD, Grüne und FDP haben alle eine Regierungsbeteiligung mit der AfD ausgeschlossen, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird. Diese Einstufung erlaubt dem Inlandsgeheimdienst den Einsatz von Überwachungsinstrumenten gegen die Partei, ein Status, den die AfD vor Gericht anfechtet und als politische Angstmacherei abtut.

In der Praxis bedeutet die Brandmauer, dass die 44,5 % der AfD in Oppositionsstatus münden, sofern sie keinen Partner findet. Der einzige theoretische Kandidat ist das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), die linkspopulistische Partei der ehemaligen Linken-Chefin. Nachwahlbefragungen sehen das BSW an der 5%-Hürde pendeln; zieht es in den Landtag ein, könnte eine AfD-BSW-Kombination eine Mehrheit stellen. Scheitert das BSW, zwingt die Arithmetik zu einer Koalition aus drei oder mehr etablierten Parteien, ein fragiles Konstrukt in einem Parlament, in dem die AfD stärkste Einzelkraft ist.

Merz' Autorität erodiert weiter

Für Friedrich Merz ist das Ergebnis ein persönlicher und politischer Schlag. Der Kanzler, der im Mai 2025 nach dem CDU/CSU-Bundestagswahlsieg ins Amt kam, ringt darum, das Wachstum in Europas größter Volkswirtschaft wiederzubeleben. Deutschland rutschte Ende 2025 in eine technische Rezession, und die Koalitionsstreitigkeiten über Energiepolitik, Migration und Schuldenbremse beherrschten die Schlagzeilen. Merz' persönliche Zustimmungswerte fielen in jüngsten Forsa- und Infratest-dimap-Umfragen unter 30 %. Der Verlust Sachsen-Anhalts, das die CDU 32 Jahre regierte, an eine vom Verfassungsschutz als extremistisch beobachtete Partei wird Rufe in den eigenen Reihen nach schärferem Profil in Migration und Wirtschaftskompetenz verstärken.

Nina Warken, prominente CDU-Politikerin, nannte den Sonntag einen Wendepunkt für das Land. Ihre Wortwahl ist bewusst: Die CDU kann die AfD nicht länger als auf den Osten beschränktes Protestphänomen abtun. Bundesweite Umfragen sehen die AfD nun durchgängig vor der CDU, bei 24, 26 % für die AfD und 20, 22 % für die Union. Die Brandmauer, die einst als gefestigter Konsens galt, wirkt nun wie ein Damm, der einer steigenden Flut widersteht.

Was die AfD tatsächlich vorschlägt

Das AfD-Programm für Sachsen-Anhalt gibt einen Einblick, wie die Partei regieren würde, sollte die Brandmauer je fallen. Es fordert, dass Schulen und Kultureinrichtungen "traditionelle Werte" fördern, eine vage Formulierung, die in der Praxis Einschränkung von Gender Studies, Begrenzung von Diversity-Programmen und Umformulierung der Geschichtslehrpläne zugunsten nationalem Stolz bedeutet. In der Migrationspolitik verlangt die Partei sofortige Grenzschließungen, beschleunigte Abschiebungen und ein Ende des Familiennachzugs für anerkannte Flüchtlinge. Ihre Medienpolitik zielt auf den öffentlichen Rundfunk, in Sachsen-Anhalt den MDR, und schlägt vor, dessen Auftrag und Finanzierung zu kürzen. In der Außenpolitik setzt die AfD auf engere Beziehungen zu Russland, lehnt weitere EU-Integration ab und fordert ein Referendum über die Euro-Mitgliedschaft.

Das BSW als Unbekannte

Sahra Wagenknechts Partei fügt eine weitere Unberechenbarkeit hinzu. Das BSW verbindet linke Wirtschaftspolitik, höhere Löhne, Mietendeckel, Vermögenssteuern, mit migrationskritischer Rhetorik und Ablehnung deutscher Militärhilfe für die Ukraine. Diese Überschneidung mit AfD-Positionen in Migration und Russlandpolitik ließ Analysten über eine "rot-braune" Allianz spekulieren. Wagenknecht hat eine Zusammenarbeit mit der AfD auf Landesebene nicht ausgeschlossen, weist aber das Extremisten-Label zurück. Schafft das BSW die 5 %, hält es den Schlüssel zur Mehrheit; scheitert es, müssen CDU, SPD und Grüne ein Dreierbündnis schmieden, das sowohl AfD als auch Linke ausschließt, letztere ebenfalls gefährdet, an der Hürde zu scheitern.

Koalitionsarithmetik und die kommenden Wochen

Das endgültige amtliche Ergebnis, das binnen zwei Wochen erwartet wird, wird bestätigen, ob das BSW in den Landtag einzieht. Tut es dies, wird die AfD als stärkste Partei das Recht auf Regierungsbildung fordern. Sven Schulze, der scheidende CDU-Ministerpräsident, hat der AfD bereits gratuliert und ihren Status als stärkste Kraft anerkannt, eine symbolische Konzession, die das Ergebnis normalisiert. Scheitert das BSW, müssen CDU, SPD und Grüne eine "Kenya-Koalition" (Schwarz-Rot-Grün) mit zusammen 55, 60 % der Sitze aushandeln. Solche Bündnisse regierten bereits in Brandenburg und Sachsen, neigen aber zu Lähmung in Migrations- und Klimapolitik.

Erwähnte Personen

  • Ulrich Siegmund

    AfD lead candidate in Saxony-Anhalt, Alternative for Germany

  • Alice Weidel

    Co-leader of the AfD, Alternative for Germany

  • Friedrich Merz

    Chancellor of Germany, Federal Government

  • Sven Schulze

    Minister-president of Saxony-Anhalt, State Government of Saxony-Anhalt

  • Nina Warken

    Senior CDU politician, Christian Democratic Union

Organisationen

Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Social Democratic Party of Germany · Alliance 90/The Greens · Bündnis Sahra Wagenknecht · Federal Office for the Protection of the Constitution