Die Alternative für Deutschland (AfD) hat ihr stärkstes Landtagswahlergebnis erzielt, weit über 40 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt geholt und die etablierten Parteien weit hinter sich gelassen. Doch der Sieg führt in eine parlamentarische Sackgasse: der Partei fehlt die Mehrheit, und sie stößt auf eine nahezu vollständige Blockade potenzieller Koalitionspartner.
Eine Brandmauer, die hält
Das unmittelbare Hindernis ist die Einstufung des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt als »gesichert rechtsextrem« durch das Bundesamt für Verfassungsschutz, den Inlandsgeheimdienst. Diese Einstufung hat die Weigerung aller anderen Parteien im Landtag verhärtet, Koalitionsgespräche zu führen. Die Christlich Demokratische Union (CDU), die seit 2016 die Landesregierung anführt und im Bundeskabinett sitzt, war eindeutig. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann erklärte, es werde »keine Zusammenarbeit mit dem linken oder dem rechten Rand« geben.
Sozialdemokraten, Grüne und Linke halten seit langem ähnliche Brandmauern. Die einzige theoretische Ausnahme bildet das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das auf einer linkswirtschaftlichen Plattform mit russlandfreundlicher Außenpolitik antritt. Sahra Wagenknecht hatte zuvor Bereitschaft zu sachbezogener Zusammenarbeit mit der AfD signalisiert. Ob das BSW die Fünf-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament schafft, ist ungewiss, und selbst wenn, sehen AfD-Insider die ideologische Kluft als zu groß für ein stabiles Bündnis.
Minderheitsregierung oder kalkulierte Opposition
Ohne Koalitionspartner verengen sich die Optionen der AfD auf eine Minderheitsregierung, die auf fallweise Unterstützung angewiesen ist, oder einen bewussten Verbleib in der Opposition. Der 35-jährige Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gab sich am Wahlabend kämpferisch. »Als Demokrat werde ich alle ansprechen, die mit uns arbeiten wollen, um eine grundlegende politische Wende herbeizuführen«, sagte er der ARD, fügte aber hinzu, er sehe keine geeigneten Partner. Seine Prioritäten benannte er unmissverständlich: »Mit mir wird es keine Kompromisse geben.«
Bundesvorsitzende Alice Weidel wählte im ZDF einen weicheren Tonfall, argumentierte, die Blockadehaltung der CDU »gibt der AfD den Auftrag zu regieren« und brachte eine »Tolerierung oder sogar eine Koalition« ins Spiel. Der Unterschied ist wichtig. Eine Tolerierung würde es ermöglichen, einen AfD-Ministerpräsidenten mit passiver Unterstützung einer anderen Partei zu wählen, während eine Koalition formale Machtteilung erfordert. Beides hat derzeit keinen willigen Gegenpart.
Ein Programm jenseits der Migration
Das AfD-Programm für Sachsen-Anhalt geht weit über Migration hinaus, auch wenn diese der Kernpunkt bleibt. Die Partei fordert eine »180-Grad-Wende in der Migrationspolitik«, darunter beschleunigte Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber, eine generelle Arbeitspflicht für Verbleibende und Maßnahmen, um den Staat für Einwanderer unattraktiver zu machen. Im Wahlkampf verknüpften AfD-Redner Migranten wiederholt mit Stadtkriminalität und Wohnungsnot.
Jenseits der Migration sieht das Programm einen radikalen Umbau der öffentlichen Sphäre des Landes vor: Streichung der Finanzierung des öffentlichen Rundfunks, Kürzung von Fördermitteln für Demokratieförderprojekte und Einrichtung einer Freiwilligen Sicherheitskraft, die sich gegen Migranten richtet. Siegmund bezeichnete diese Punkte als nicht verhandelbar. Die Kombination deutet auf eine Regierungsstrategie hin, die die Grenzen staatlicher Autorität austesten und vermutlich rechtliche Anfechtungen von Bundesebene und Zivilgesellschaft provozieren würde.
Das Dilemma der CDU
Für die CDU ist das Ergebnis eine strategische Krise. Die Partei regiert Sachsen-Anhalt seit fast einem Jahrzehnt, derzeit in einer Dreierkoalition mit SPD und FDP. Spitzenkandidat und amtierender Ministerpräsident Reiner Haseloff setzte auf Stabilität und die Brandmauer. Der AfD-Anstieg zeigt, dass dieses Argument bei einem erheblichen Teil der Wählerschaft an Überzeugungskraft verliert. Bundesweit hat die CDU unter Friedrich Merz ihre Rhetorik in der Migrationspolitik verschärft, um Verluste nach rechts zu stoppen, doch das Sachsen-Anhalt-Ergebnis deutet darauf hin, dass taktische Kurskorrekturen den Trend nicht umgekehrt haben.
Hoppermanns kategorische Absage an Zusammenarbeit schließt die Tür für eine formale Koalition, lässt die CDU aber mit der Last zurück, eine Regierung aus den verbleibenden Splittern zu formen. Eine Koalition aus CDU, SPD, Grünen und möglicherweise BSW oder FDP wäre unhandlich, ideologisch überdehnt und dem Vorwurf ausgesetzt, sie existiere einzig, um die AfD fernzuhalten. Diese Dynamik hat bereits ähnliche »Kenya«- und »Deutschland«-Koalitionen in anderen ostdeutschen Ländern geschwächt.
Der BSW-Faktor
Das Bündnis Sahra Wagenknecht ist der Unbekannte. Gegründet im Januar 2024, schöpft es aus der traditionellen Basis der Linken, während es Positionen zu Migration und Russland vertritt, die sich mit der AfD decken. Umfragen vor der Wahl sahen es nahe der Fünf-Prozent-Hürde. Zieht es in den Landtag ein, könnte es das Zünglein an der Waage zwischen AfD-Block und etablierten Parteien sein. Wagenknecht hat Gespräche mit der AfD in der Sache nicht ausgeschlossen, doch das linkswirtschaftliche Programm ihrer Partei, einschließlich höherer Löhne und stärkerem Mieterschutz, kollidiert mit dem marktliberalen Flügel der AfD. Jede Zusammenarbeit wäre allenfalls transaktional.
Opposition als Waffe
Einige AfD-Politiker scheinen die Opposition zu bevorzugen. Fraktionsvize Oliver Kirchner sagte in einem Parteilivestream, hinter dem Oppositionsrednerpult zu bleiben, sei »brutal für die anderen«. Die Rechnung ist einfach: Eine Minderheitsregierung würde die AfD zwingen, ihr Programm zur Sicherung von Stimmen zu mäßigen, was interne Spaltungen offenlegen würde. In der Opposition kann die Partei jede Entscheidung einer brüchigen Mehrparteienkoalition attackieren, das Establishment für Stillstand verantwortlich machen und auf eine absolute Mehrheit bei der nächsten Wahl hinarbeiten.
Die Zahlen sind deutlich. Die AfD hat ihren Auftrag. Die Brandmauer hat ihre Logik. Die Lücke dazwischen ist der Ort, an dem die Politik Sachsen-Anhalts für die absehbare Zukunft stattfinden wird.
Erwähnte Personen
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Oliver Kirchner
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Sahra Wagenknecht
Organisationen
Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Sahra Wagenknecht Alliance · Federal Office for the Protection of the Constitution