Eine rechtsextreme Partei wird erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche Landesregierung anführen. Die Alternative für Deutschland (AfD) erzielte am Sonntag in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent der Stimmen, ein Ergebnis, das weit über die 2,1 Millionen Einwohner des Landes hinaus nachhallt. Die Wahlbeteiligung schnellte auf 78 Prozent hoch, nach 60,3 Prozent vor fünf Jahren, und keine Partei profitierte stärker von der Mobilisierung früherer Nichtwähler als die AfD.

Ein Programm, geschrieben für die Regierung

Die AfD trat mit ihrem radikalsten Programm an. Sie verspricht einen Landesbeauftragten für „Remigration“, die Trennung von Migranten- und Asylbewerberkindern in Schulen, die Abschaffung von Inklusionsklassen für behinderte Schüler, ein Verbot der Regenbogenflagge, verpflichtendes Singen der Nationalhymne, mehr Kaiserreichsgeschichte und weniger Unterricht über die NS-Zeit. In der Kulturpolitik will sie Mittel von der Holocaust-Gedenkarbeit auf die Erinnerung an Kriegsopfer umlenken. In der Medienpolitik strebt sie den Austritt aus dem Medienstaatsvertrag an, dem Staatsvertrag, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziert, und würde damit die Einwohner Sachsen-Anhalts von ARD und ZDF abschneiden.

Das sind keine abstrakten Wünsche. Bildung, Kultur und Rundfunk liegen in fast ausschließlicher Kompetenz der Länder nach dem Grundgesetz. Eine Landesregierung kann sie ohne Zustimmung des Bundes umsetzen. Sachsen-Anhalt hat seit 1990 ein Viertel seiner Bevölkerung verloren und weist eine der ältesten Altersstrukturen des Landes auf; eine „Remigrations“-Kampagne würde demografischen Schrumpf beschleunigen und den Fachkräftemangel in Pflege, Bau und Landwirtschaft verschärfen.

Drei Sitze und ein Koalitionspuzzle

Die AfD stellt die stärkste Fraktion im Landtag, verfehlte die absolute Mehrheit aber um drei Sitze. Nachdem sie zuvor eine Regierung ohne eigene Mehrheit ausgeschlossen hatte, hat die Partei ihre Haltung gelockert und sondiert nun beim ebenfalls populistischen Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) oder bei einzelnen CDU-Abgeordneten, die die Brandmauer der Bundespartei durchbrechen würden. Der BSW zog mit einem zweistelligen Ergebnis in den Landtag ein und ist damit der arithmetische Königsmacher. Jede Einigung würde verlangen, dass der BSW seine eigenen roten Linien in Außen- und Sozialpolitik aufgibt, oder dass die CDU auf Landesebene bricht.

Bundesweite Folgen: der Bundesrat und der Kanzler

Der Bundesrat, die Länderkammer Deutschlands, gibt den Ländern ein Veto bei Gesetzen, die ihre Kompetenzen berühren. Die Stimmen sind nach Bevölkerung gewichtet: Sachsen-Anhalt kontrolliert vier von 69 Stimmen. Das ist keine Sperrminorität, aber eine von der AfD geführte Landesregierung kann sich enthalten oder gegen Bundesgesetze stimmen und die Koalition in Berlin so zu härteren Mehrheitsverhandlungen zwingen. Seit Olaf Scholz das Amt verlassen hat, ist die sogenannte „deutsche Enthaltung“, Deutschland enthält sich im EU-Rat, weil die Bundeskoalition sich nicht einigen kann, zur Routine geworden. Kanzler Friedrich Merz versprach, dies zu beenden; eine rechtsextreme Regierung in Magdeburg macht dieses Versprechen schwerer einhaltbar.

Merz' persönliche Zustimmungswerte haben ein historisches Tief erreicht. Die AfD liegt bundesweit bei 28 Prozent, rund zehn Punkte vor der CDU. Noch fordern keine ernsthaften Stimmen seinen Rücktritt wegen des Ergebnisses in Sachsen-Anhalt, doch das Risiko vorgezogener Bundestagswahlen ist real. Würden sie heute stattfinden, könnte die AfD stärkste Kraft werden.

Europäische Dimension: ein heikler Kalender

Die AfD ist nicht nur anti-immigration, sondern grundlegend europaskeptisch. Ihr Programm bezeichnet die EU als „gescheitert“ und fordert eine Rückkehr zu reiner Wirtschaftsintegration mit harten Grenzkontrollen. Eine Landesregierung, die diese Agenda umsetzt, wird den Europaskeptizismus ihrer Bürger vertiefen und das Vertrauen in EU-Institutionen untergraben. Der Zeitpunkt ist ungünstig: Frankreich wählt 2027 den Präsidenten, Italien das Parlament im selben Jahr, und die EU muss ihren nächsten langfristigen Haushalt finalisieren, ihre Sicherheitsarchitektur neu gestalten und ein Wettbewerbsfähigkeitspaket beschließen. Ein Deutschland, das im Rat nicht mit einer Stimme spricht, erschwert all das.

Die Brandmauer und das Europäische Parlament

Die interne Debatte der CDU über die Brandmauer, den Schutzschild gegen Zusammenarbeit mit der AfD, hat sich verschärft. Wenn die CDU in Sachsen-Anhalt ein AfD-Ministerium duldet oder unterstützt, bricht die Brandmauer auf Landesebene. Das würde Deutschlands Position im Europäischen Parlament schwächen, wo Berlin eine der wenigen Hauptstädte war, die auf einen Cordon sanitaire gegen rechtsextreme Gruppen pochten. Die AfD-Delegation in Brüssel sitzt in der hardrechten Fraktion Europa der Souveränen Nationen; eine regierende AfD im Inland verleiht dieser Gruppe institutionelle Legitimität, die ihr bisher fehlte.

Warum der EU-Rechtsstaatlichkeits-Werkzeugkasten Magdeburg nicht erreicht

Der Rechtsstaatlichkeitsmechanismus der Europäischen Kommission, Artikel 7 EUV, die Konditionalitätsverordnung, der jährliche Rechtsstaatlichkeitsbericht, ist für Mitgliedstaaten konzipiert, nicht für subnationale Regierungen. Bildung, Kultur und Rundfunk fallen nicht in die EU-Kompetenz. Wenn ein von der AfD geführtes Sachsen-Anhalt Lehrpläne säubert oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abbaut, hat Brüssel keinen direkten Hebel. Die Bundesregierung in Berlin müsste handeln, mit ihren eigenen verfassungsrechtlichen Instrumenten, doch der politische Wille, sich einer demokratisch gewählten Landesregierung entgegenzustellen, ist unerprobt.

Erwähnte Personen

  • Friedrich Merz

    Chancellor of Germany, Federal Government of Germany

  • Sarah Wagenknecht

    Leader of the Sarah Wagenknecht Alliance, Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)

Organisationen

Alternative for Germany (AfD) · Sarah Wagenknecht Alliance (BSW) · Christian Democratic Union (CDU) · Bundesrat · European Commission · European Parliament