Schweden geht am Sonntag bei einer Parlamentswahl an die Urnen, die darüber entscheiden wird, ob die Mitte-rechts-Regierung des Landes überlebt oder ob die rechtsextremen Schwedendemokraten erstmals formell in die Regierung einziehen. Ministerpräsident Ulf Kristersson, der eine Minderheitskoalition aus seiner Partei der Moderaten, den Christdemokraten und den Liberalen anführt, hat die letzten Tage des Wahlkampfs damit verbracht, die Wähler aufzurufen, ihm ein erneutes Mandat zu geben, um „Schweden wieder groß zu machen“, eine bewusste Anspielung auf den Slogan Donald Trumps, die zeigt, wie weit sich der politische Diskurs verschoben hat.
Die letzten Tage des Wahlkampfs
Monatelang gaben Meinungsumfragen dem linksgerichteten Oppositionsblock aus Sozialdemokraten, Linkspartei, Grünen und Zentrumspartei einen konstanten Vorsprung. Dieser Vorteil ist in der letzten Woche verflogen. Umfragedurchschnitte zeigen nun, dass die beiden Blöcke nur noch innerhalb der statistischen Schwankungsbreite voneinander getrennt sind, was das letzte Wochenende des Wahlkampfs zu einem echten Wettrennen macht. Kristerssons Auftritte konzentrierten sich auf Recht und Ordnung, während seine Gegner auf die Haushaltsökonomie und den Zustand des Sozialsystems setzten.
Die Wahl findet vor einem europäischen Hintergrund statt, in dem rechte Regierungen in Italien, den Niederlanden, Finnland und bis vor kurzem in Polen an der Macht sind. Ein schwedisches Ergebnis, das die Schwedendemokraten in die Regierung bringt, würde dieses Muster auf die nordische Region ausdehnen, wo die finnische Koalition bereits die Basisfinnen umfasst und Dänemarks Regierung mit breiter parlamentarischer Unterstützung eine strenge Einwanderungspolitik verfolgt.
Kriminalität und die Erzählung der Rechten
Die organisierte Kriminalität hat die politische Agenda in den letzten vier Jahren dominiert. Schweden hat einen starken Anstieg von Schießereien und Bombenanschlägen im Zusammenhang mit Bandennetzwerken verzeichnet, von denen viele mit dem Drogenhandel verbunden sind. Im Jahr 2023 verzeichnete das Land laut dem Schwedischen Nationalrat für Kriminalprävention 363 Schießereien, 53 davon tödlich, Zahlen, die nach europäischen Maßstäben hoch sind. Die Regierung reagierte mit härteren Strafen, erweiterten Überwachungsbefugnissen und einem umstrittenen Vorschlag, Doppelstaatern bei schweren Verbrechen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Wähler wie Kurt Flodin, ein 79-jähriger Rentner, der auf einer Kristersson-Kundgebung angetroffen wurde, nennen die Kriminalität als ihr überragendes Anliegen. „Das Wichtigste ist, dass die Rechten gewinnen, um fortzusetzen, was sie begonnen haben“, sagte er. Die Law-and-Order-Plattform der Regierung findet besonders in Vorstädten und kleineren Städten Anklang, wo die Bandengewalt am sichtbarsten war, obwohl Kritiker argumentieren, dass die Maßnahmen rechtliche Schutzmechanismen untergraben, ohne die Ursachen wie Segregation und Schulversagen anzugehen.
Der Sozialstaats-Vorstoß der Sozialdemokraten
Die Sozialdemokraten, die Schweden für den größten Teil des 20. Jahrhunderts regierten und weiterhin die größte Einzelpartei des Landes sind, haben ihren Wahlkampf auf die Lebenshaltungskosten aufgebaut. Parteivorsitzende Magdalena Andersson, von 2014 bis 2022 Finanzministerin und für sieben Monate 2021/22 Ministerpräsidentin, hat versprochen, Strompreise zu deckeln, Wohnungsbeihilfen zu erhöhen und Mittel in die Gesundheitsversorgung und Altenpflege zu stecken. Die Partei argumentiert, dass acht Jahre Mitte-rechts- oder rechtsgerichtete Politik das universelle Sozialstaatsmodell unterhöhlt haben, das den schwedischen sozialen Zusammenhalt stützt.
Jenny Larsson, eine Theatermitarbeiterin, die am Wahltag 54 Jahre alt wird, sagte, dass diese Versprechen mit ihren Prioritäten übereinstimmen. Die Wartezeiten im Gesundheitswesen haben sich verlängert, die kommunale Altenpflege kämpft mit Personalmangel, und die Schulleistungen sind in internationalen Rankings gesunken. Das Argument der Opposition lautet, dass die von der aktuellen Regierung eingeführten Steuersenkungen überproportional höhere Verdienende begünstigt haben, während die Kommunen, die für den Großteil der Sozialleistungen verantwortlich sind, mit strukturellen Defiziten kämpfen.
Ein fragmentiertes Parlament und die Schwedendemokraten
Die Schwedendemokraten, die 1988 mit Wurzeln im neonazistischen Spektrum gegründet wurden, haben unter ihrem Vorsitzenden Jimmie Åkesson eine gezielte Mainstreaming-Strategie durchlaufen. Sie wurden bei der Wahl 2022 mit 20,5 Prozent der Stimmen zur zweitgrößten Partei. Das Tidö-Abkommen, das nach dieser Wahl ausgehandelt wurde, gab ihnen politischen Einfluss auf Einwanderung, Kriminalität und Energie im Austausch gegen parlamentarische Unterstützung für Kristerssons Minderheitsregierung. Sie haben diese Hebelwirkung genutzt, um strengere Asylregeln, erweiterte Abschiebungsbefugnisse und ein Moratorium für neue Windkraftanlagen durchzudrücken.
Was nach Sonntag passiert, hängt von der Arithmetik ab. Wenn der rechte Block aus Moderaten, Christdemokraten, Liberalen und Schwedendemokraten eine Mehrheit erringt, könnte Kristersson eine Mehrheitsregierung mit den Schwedendemokraten als formelle Koalitionspartner bilden. Wenn der linke Block knapp führt, müsste Andersson mit der Zentrumspartei und möglicherweise den Grünen und der Linkspartei verhandeln, eine Kombination, die nach der Wahl 2018 nicht zusammengehalten wurde. Ein drittes Szenario, ein Parlament ohne klare Mehrheit, bei dem kein Block regieren kann, würde wahrscheinlich wochenlange Verhandlungen oder vorgezogene Neuwahlen auslösen.
Wirtschaftlicher Hintergrund
Schwedens Wirtschaft hat sich seitdem die Riksbank 2022 begann, die Zinsen zu erhöhen, stark verlangsamt. Das BIP schrumpfte 2023 um 0,3 Prozent, und die Eurostat-Prognose für 2024 zeigt ein Wachstum von nur 0,2 Prozent. Die Verschuldung der Privathaushalte liegt bei etwa 190 Prozent des verfügbaren Einkommens, eine der höchsten in Europa, was die Bevölkerung äußerst sensibel für Hypothekarkosten macht. Die Inflation ist von einem Höchststand von über 10 Prozent Ende 2022 auf etwa 2 Prozent gesunken, aber die Reallöhne haben sich noch nicht erholt. Die Krone hat gegenüber dem Euro an Wert verloren, was die Importkosten erhöht.
Die Regierung verweist auf einen ausgeglichenen Haushalt und eine Schuldenstandsquote von unter 30 Prozent des BIP als Beweis für fiskalische Disziplin. Die Opposition hält dagegen, dass der Handlungsspielraum gerade deshalb existiert, weil frühere sozialdemokratische Regierungen Puffer aufgebaut haben, und dass die aktuellen Ausgabeprioritäten, Steuersenkungen für hohe Verdienende und Verteidigungsausgaben, auf Kosten der kommunalen Dienste gegangen sind. Die Verteidigungsausgaben sollen bis 2028 voraussichtlich 2,6 Prozent des BIP erreichen, angetrieben durch das sicherheitspolitische Umfeld und den NATO-Beitritt.
Was die Umfragen tatsächlich zeigen
Die Umfragen in Schweden waren volatil. Die großen Institute Novus, Ipsos und SCB haben gezeigt, dass der Vorsprung des linken Blocks von etwa sechs Prozentpunkten im Frühjahr auf rund zwei Punkte in den letzten veröffentlichten Umfragen vor der Wahlschweigezeit geschrumpft ist. Die Schwedendemokraten pendelten zwischen 18 und 21 Prozent, während die Moderaten von ihrem Hoch von 19 Prozent im Jahr 2022 auf Werte zwischen 14 und 17 Prozent gefallen sind. Die Sozialdemokraten blieben relativ stabil bei etwa 30 Prozent. Die Zentrumspartei, eine liberal-agrarische Partei, die zwischen den Blöcken geschwankt hat, könnte den Ausschlag geben, wenn sie die Vier-Prozent-Hürde überschreitet. Sie liegt aktuell in Umfragen nahe dieser Marke.
Erwähnte Personen
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Kurt Flodin
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Jenny Larsson
Organisationen
Government of Sweden · Social Democrats · Moderate Party · Sweden Democrats · European Parliament