Niemand hatte mit einer einstimmigen Entscheidung gerechnet. Vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag in der Wolfsburger VW-Zentrale hieß es aus dem Umfeld, die Chancen auf eine Einigung über ein neues Sparprogramm seien außerordentlich gering. Bis zum Ende des Tages hatten alle 20 Aufsichtsratsmitglieder, die Aktionäre, die Familien Porsche und Piëch, das Land Niedersachsen und die Belegschaftsvertreter repräsentieren, einen Restrukturierungsplan mitgetragen, der rund 50.000 Stellen aufs Spiel setzt und für vier deutsche Werke keine künftige Produktion garantiert.

Was der Plan konkret vorsieht

Die Pressemitteilung des Aufsichtsrats bestätigt die Zahl, die seit Wochen in Leaks kursierte: Der Zukunftplan 2030 der Geschäftsführung sieht den Abbau von rund 50.000 Stellen im Volkswagen-Konzern vor. Der Plan legt zudem konkrete Rendite- und Sparziele fest, verpflichtet sich zur Halbierung des Modellportfolios und kündigt einen strategischen Neuanfang für das Nordamerika- und das Chinageschäft an, die beide seit Langem Marktanteile verlieren.

Die Formulierungen zu den umstrittensten Punkten, Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen, sind allerdings so gewählt, dass jede Seite einen Sieg für sich beanspruchen kann. IG Metall und Betriebsrat erklärten, sie hätten eine gefährliche Eskalation abgewendet. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies bezeichnete das Konzept als tragfähig. Vorstandschef Oliver Blume sprach von einem starken Signal. Wolfgang Porsche, der sich selten öffentlich äußert, nannte die Entscheidung in einer Erklärung notwendig und richtig. Dass alle Seiten Erfolg reklamieren, ist bereits eine Warnung: Die schwierigsten Verhandlungen darüber, wie diese Ziele tatsächlich erreicht werden sollen, wurden vertagt.

Vier Werke im Schwebezustand

Die folgenreichste Formulierung der Mitteilung betrifft Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Der Aufsichtsrat nahm förmlich zur Kenntnis, dass Volkswagen derzeit eine europäische Überkapazität von rund 500.000 Fahrzeugen hat und dass für diese vier Werke „eine wettbewerbsfähige Folgeauslastung in den Jahren 2031 bis 2034 derzeit nicht garantiert werden kann“. Das ist keine Schließungsmitteilung. Der Betriebsrat verwies umgehend darauf, dass kein Werk formell aufgegeben und keine Schließung besiegelt sei. Es ist aber auch keine Entwarnung. Es ist die ausdrückliche Erklärung, dass es nach derzeitiger Einschätzung nichts Profitables für diese Werke zu bauen gibt, sobald die aktuellen Modelle auslaufen.

Die Formulierung mit dem gestaffelten Zeitraum von 2031 bis 2034 legt nahe, dass der Konzern ein schrittweises Herunterfahren der Produktion an den verschiedenen Standorten erwartet. Zwickau, das mit erheblichem Aufwand auf Elektrofahrzeuge umgerüstet wurde, sieht sich nun mit der realen Möglichkeit konfrontiert, dass diese Modelle nicht in ausreichenden Stückzahlen verkauft werden, um den Standort zu rechtfertigen. Emden, ebenfalls ein Elektrostandort, ist in einer ähnlichen Lage. Hannover baut Nutzfahrzeuge. Neckarsulm fertigt Premiummodelle. Alle vier stehen nun offiziell unter Beobachtung.

Wie aus einer Pattsituation Einstimmigkeit wurde

Die Geschwindigkeit der Kehrtwende war bemerkenswert. Das Präsidium, der kleinere innere Zirkel des Aufsichtsrats mit Hans Dieter Pötsch als Vorsitzendem, Olaf Lies und Betriebsratschefin Daniela Cavallo, kam am Donnerstagmorgen zusammen, in der Erwartung einer Pattsituation. Am Nachmittag wurde der gesamte Aufsichtsrat mit seinen 20 Mitgliedern vorzeitig einberufen, offenbar weil genügend Schlüsselpersonen bereits in Wolfsburg oder in der Nähe waren für die ursprünglich für Freitag angesetzte Sitzung. Am Donnerstagabend stand der Deal.

Was sich zwischen Morgen und Abend geändert hat, bleibt unklar. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Geschäftsführung beim Verfahren Zugeständnisse machte und Formulierungen zustimmte, die unmittelbare Schließungen vermeiden, während Betriebsrat und IG Metall im Gegenzug die Zahl von 50.000 Stellen und die Feststellung akzeptierten, dass vier Werken eine wettbewerbsfähige Zukunft fehlt. Beide Seiten erhalten etwas, das sie ihren jeweiligen Lagern verkaufen können. Die Gewerkschaften können sagen, kein Werk sei geschlossen worden. Die Geschäftsführung kann sagen, das Ausmaß des Problems sei nun offiziell anerkannt.

Anleger signalisieren Erleichterung

Die Marktreaktion war eindeutig. Die Volkswagen-Aktie stieg zum Eröffnungskurs in Frankfurt am Freitag um mehr als 6 Prozent und war damit der beste Wert im DAX, während der breitere Index seitwärts lief. Auch die Aktie der Porsche Automobil Holding, dem börsennotierten Investmentvehikel der Eigentümerfamilien, legte um mehr als 3 Prozent zu.

Tim Rokossa, Capital-Markets-Stratege bei der Deutschen Bank, bezeichnete die Einigung als fundamentalen Durchbruch. Sie habe die Sorge vieler Investoren zerstreut, dass Volkswagen überhaupt nicht in der Lage sei, schwierige Entscheidungen zu treffen. Die größten Probleme des Unternehmens seien nicht über Nacht gelöst, räumte er ein, aber die Befürchtung, der Konzern könne sich nicht selbst steuern, sei vom Tisch.

Die politische und gewerkschaftliche Dimension

Niedersachsen hält eine Sperrminorität von 20 Prozent an Volkswagen, und der Ministerpräsident sitzt qua Gesetz im Aufsichtsrat. Olaf Lies, Sozialdemokrat, befindet sich nun in der unangenehmen Lage, für einen Plan gestimmt zu haben, der Tausende Arbeitsplätze in seinem eigenen Bundesland bedroht, während er gleichzeitig verspricht, sich für diese Werke einzusetzen. Er sagte der Nachrichtenagentur AFP, Deutschland müsse die Chance haben, seine Automobilproduktion wettbewerbsfähig zu halten. Der Widerspruch zwischen seinem Aufsichtsratsvotum und seinen öffentlichen Äußerungen verdeutlicht den Druck auf regionale Politiker, wenn industrielle Umstrukturierungen dieses Ausmaß annehmen.

Die IG Metall, Deutschlands mächtigste Industriegewerkschaft, framt das Ergebnis als abgewendete Eskalation. Dass die Gewerkschaft die Zahl von 50.000 Stellen, zumindest im Grundsatz, akzeptieren kann, markiert einen Wendepunkt. Bislang hatte sich der Betriebsrat gegen jede Veröffentlichung eines Stellenabbausziels gesperrt. Dass die Zahl nun in einer offiziellen Aufsichtsratsmitteilung erscheint, deutet darauf hin, dass die Arbeitnehmervertreter kalkulierten, eine Verweigerung der Gespräche hätte zu Schlimmerem geführt.

Der Osnabrücker Präzedenzfall

Eine denkbare Vorlage für die bedrohten Werke gibt es bereits. Volkswagens kleines Werk in Osnabrück, das die Autoproduktion einstellt, wird für die Rüstungsfertigung umgebaut. Wenn derselbe Ansatz auf einige oder alle vier gefährdeten Standorte übertragen werden kann, ließe sich der politische Schaden vollständiger Schließungen abmildern. Die Umrüstung auf Rüstungsproduktion verlangt jedoch andere Fähigkeiten, andere Lieferketten und vor allem Aufträge. Ob die deutsche Rüstungsbeschaffung mehrere umgewidmete Werke aufnehmen kann, ist eine offene Frage.

Erwähnte Personen

  • Oliver Blume

    Chief Executive, Volkswagen

  • Hans Dieter Pötsch

    Supervisory Board Chair, Volkswagen

  • Olaf Lies

    Minister President of Lower Saxony, State of Lower Saxony

  • Daniela Cavallo

    Works Council Chair, Volkswagen

  • Wolfgang Porsche

    Patriarch of the Porsche family, Porsche and Piëch families

  • Tim Rokossa

    Capital Markets Strategist, Deutsche Bank

Organisationen

Volkswagen · IG Metall · Deutsche Bank · Porsche Automobil Holding