Europas Flachglashersteller nutzten einen Runden Tisch mit der Energiedirektion der Europäischen Kommission, um eine unbequeme Botschaft zu übermitteln: Die Dekarbonisierungspfade der Branche seien ohne anhaltende öffentliche Förderung nicht wirtschaftlich tragfähig, und einige Prozesse würden auch auf absehbare Zeit Erdgas benötigen.

Eine neue Generaldirektorin öffnet die Tür

Das Treffen wurde von Céline Gauer einberufen, die kürzlich die Leitung der Generaldirektion Energie (DG ENER) der Kommission übernommen hatte. Ihre Entscheidung, energieintensive Industrien einzuladen, ihre Prioritäten darzulegen, signalisiert die Bereitschaft, Sektoren zuzuhören, die sich in Brüsseler Klimadiskussionen oft an den Rand gedrängt fühlten. Glass for Europe, der Verband der Flachglashersteller, war unter den Teilnehmern.

Iva Ganev, Umwelt- und Klimapolitik-Managerin des Verbands, begann mit der Anerkennung eines positiven Schritts: Der Elektrifizierungsaktionsplan der DG ENER, veröffentlicht am 17. Juli 2026, habe branchenspezifische Bedingungen teilweise berücksichtigt. Diese Anerkennung sei wichtig, weil die Flachglasproduktion unter Bedingungen stattfinde, die eine vollständige Elektrifizierung mit heutiger Technologie unpraktikabel machten.

Die Wettbewerbsfähigkeitslücke

Ganev bestätigte, dass Flachglasunternehmen aktiv Teil-Elektrifizierung prüfen, einen der branchenspezifischen Dekarbonisierungspfade. Doch sie war deutlich bei der Ökonomie: Solche Projekte seien nicht wettbewerbsfähig. Die Branche könne die technologischen und ingenieurtechnischen Herausforderungen bewältigen, sagte sie, aber öffentliche Förderung sei nötig, um den Business Case tragfähig zu machen.

Dies ist ein bekanntes Spannungsfeld in der europäischen Industriepolitik. Die Kommission will, dass Unternehmen in saubere Technologien investieren; Unternehmen sagen zu, vorausgesetzt der finanzielle Rahmen macht es möglich. Die Lücke zwischen technischer Machbarkeit und kommerzieller Rentabilität war ein hartnäckiges Hindernis in energieintensiven Sektoren, von Stahl bis Keramik.

Ganev wies auch darauf hin, dass Elektrifizierung nicht der einzige Weg sei. Die Flachglasherstellung könne auch durch Biomethan oder Wasserstoff dekarbonisiert werden, und Glass for Europe stehe mit der DG ENER in laufendem Dialog zu diesen Optionen. Doch auch hier stellten sich dieselben zwei Probleme: Verfügbarkeit der Energieträger und deren Kosten. Europa mag Wasserstoff-Ambitionen haben, doch Infrastruktur und Versorgung stünden noch nicht im für die Industrie nötigen Maßstab bereit.

Warum Erdgas nicht schnell verschwinden wird

Der pointierteste Teil von Ganevs Intervention betraf Erdgas. Die Flachglasherstellung erfordere sehr hohe Produktionstemperaturen, arbeite mit großen Ofenvolumen, müsse strenge Qualitätsstandards einhalten und laufe als kontinuierlicher Prozess. Das Abschalten und Wiederanfahren eines Ofens sei keine triviale operative Angelegenheit; es sei ein massiver Eingriff, der Anlagen und Ausgabe beschädigen könne.

Wegen dieser Zwänge, so Ganev, werde ein gewisser Anteil an Erdgas mindestens mittelfristig noch nötig sein. Diese Aussage habe direkte politische Implikationen. Die DG ENER prüfe derzeit höhere Steuern auf fossile Brennstoffe, ein Instrument, um den Ausstieg aus Gas und Öl zu beschleunigen. Werden sie ohne Rücksicht auf industrielle Realitäten angewandt, warnte Ganev, würden solche Steuern Unternehmen für Gründe bestrafen, die außerhalb ihrer Kontrolle lägen.

Das Argument ist nicht neu, gewinnt aber an Gewicht. Mehrere energieintensive Sektoren haben ähnliche Punkte vorgebracht zum Risiko, dass CO2-Bepreisung und Steuern auf fossile Brennstoffe, im Prinzip richtig, Produktion aus Europa drängen statt hin zu saubererer Technologie. Auch die eigenen Energiestrategie-Dokumente der Kommission räumen ein, dass Übergangszeiträume nötig seien, doch die Definition einer angemessenen Transition bleibe umstritten.

Glas als Teil der Lösung

Adrien Carton, Manager für nachhaltiges Bauen und Industriepolitik bei Glass for Europe, verlagerte den Fokus von der Produktion aufs Produkt. Flachglas, argumentierte er, sei nicht bloß eine Industrie, die Energie verbrauche; es sei ein Material, das den Energieverbrauch reduziere, wenn es in Gebäuden verbaut werde.

Da die Temperaturen in Europa steigen, stamme ein wachsender Anteil des Gebäudeenergiebedarfs aus Kühlung, nicht Heizung. Hochleistungs- und Sonnenschutzverglasung könne diesen Bedarf passiv senken, ohne den Energieeinsatz, den Klimaanlagen erforderten. Carton forderte eine ehrgeizige Heiz- und Kühlstrategie der Kommission und dass Energieeffizienz-Diskussionen in die breitere Debatte über Energiesysteme eingebettet würden, wobei die Rolle der Gebäudehülle bei der Bewältigung von Spitzenlasten und der Steigerung der Gesamteffizienz anerkannt werde.

Es ist eine Rahmung, die den Interessen der Industrie dient, aber nicht ohne Berechtigung. Die Eurostat-Daten zum Energieverbrauch in Gebäuden zeigen durchgängig, dass Heizung und Kühlung einen großen Anteil am Endenergieverbrauch in den Haushalts- und Dienstleistungssektoren ausmachen. Diesen Bedarf durch bessere Dämmung und Verglasung zu senken, gilt weithin als einer der günstigeren Dekarbonisierungshebel.

Die Position der Kommission

Vertreter der DG ENER erkannten die vorgebrachten Bedenken an. Sie sagten, die Kommission suche einen Business Case, der für alle Marktakteure passe. Doch sie bekräftigten auch eine feste Position: Staatsbeihilfen seien nur eine Übergangsmaßnahme. Das langfristige Ziel der EU-Energiepolitik sei Unabhängigkeit von Energieimporten, was erfordere, Elektrifizierung so weit wie möglich voranzutreiben und mit anderen Lösungen zu kombinieren.

Diese Antwort lässt eine Lücke. Wenn Staatsbeihilfen übergangsweise sind und Elektrifizierungsprojekte noch nicht wettbewerbsfähig, muss etwas die Zeit überbrücken bis saubere Technologie auf eigenen Füßen steht. Die Antwort der Kommission scheint zu sein, dass der Markt, gestützt durch CO2-Bepreisung, diese Brücke irgendwann bauen wird. Die Antwort der Industrie: Die Brücke ist noch nicht gebaut.

Erwähnte Personen

  • Céline Gauer

    Director-General for Energy, European Commission

  • Iva Ganev

    Environment and Climate Policy Manager, Glass for Europe

  • Adrien Carton

    Sustainable Construction and Industrial Policy Manager, Glass for Europe

Organisationen

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