Am Sonntag gehen die Wähler in Sachsen-Anhalt an die Urnen bei einer Landtagswahl, die der Alternative für Deutschland (AfD) ihr bislang folgenreichstes Ergebnis bescheren könnte: einen Anteil an der Landesregierung. Wenn die rechtspopulistische Partei in eine Regierungsmehrheit eintritt, wäre es das erste Mal seit der Gründung der Bundesrepublik 1949, dass eine Partei dieser Art in einem deutschen Land an der Macht ist.
Die AfD wird in Sachsen-Anhalt, einem von Deutschlands sechs ostdeutschen Ländern, voraussichtlich stark abschneiden und damit ein Muster fortsetzen, das das ehemalige DDR-Gebiet zum Wahlkampf-Herzland der Partei gemacht hat. Ihre Anti-Einwanderungs-Plattform und ihre sympathische Haltung gegenüber Moskau finden in einer Region Resonanz, wo das Vertrauen in die etablierten Institutionen sich nie ganz vom Schock der Wiedervereinigung erholt hat.
Drei Jahrzehnte östlicher Ernüchterung
Als die Berliner Mauer im November 1989 fiel und damit vier Jahrzehnte der kommunistischen Deutschen Demokratischen Republik endete, erwarteten viele Ostdeutsche eine rasche Angleichung an den wohlhabenden Westen. Was folgte, war stattdessen wirtschaftliche Verwüstung. Die Treuhandanstalt, die Staatsagentur, die mit der Privatisierung der ostdeutschen Industrie beauftragt war, schloss hunderte staatseigene Betriebe, die als unkonkurrenzfähig galten. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Zwischen 1989 und Mitte der 1990er Jahre schrumpfte die ostdeutsche Wirtschaft stark, und die versprochenen "blühenden Landschaften" aus der Rhetorik des damaligen Kanzlers Helmut Kohl materialisierten sich für viele Gemeinden nicht.
Elisabeth Kaiser, die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland und Abgeordnete aus Thüringen, argumentiert, dass diese Erfahrung eine bleibende psychische Narbe hinterlassen habe. "Das war eine schwierige Erfahrung für viele Ostdeutsche, die über Generationen hinweg fortwirkt und Teil eines kollektiven ostdeutschen Gedächtnisses geworden ist," sagte Kaiser. "Es ging um dieses Gefühl der Entwertung, diese Erfahrung von Verlust und die Erkenntnis, dass sich alles über Nacht ändern kann."
Das Wort "Entwertung" in Kaisers Schilderung bezieht sich nicht nur auf wirtschaftlichen Verlust, sondern auf das Gefühl, dass die Fähigkeiten, Qualifikationen und Lebenserfahrungen der Ostdeutschen vom neuen System als wertlos behandelt wurden. DDR-Berufsabschlüsse wurden oft nicht anerkannt. Ehemalige Staatsangestellte fanden sich in einer Marktwirtschaft marginalisiert, die sie nicht gewählt hatten.
Die demografische Aushöhlung
Die wirtschaftliche Umwälzung löste eine demografische Krise aus, die die politische verschärft. Junge Menschen, insbesondere Frauen, verließen den Osten in den 1990er und 2000er Jahren in großer Zahl, um im Westen Arbeit und Chancen zu suchen. Bundesstatistiken haben den daraus resultierenden Bevölkerungsrückgang dokumentiert: Ganze Städte alterten rasant, als ihre jüngeren Bewohner wegzogen, und hinterließen Gemeinden mit schrumpfenden Steuerbasen, geschlossenen Schulen und eingeschränktem öffentlichen Dienst.
Der Exodus junger Frauen hatte dabei eine überproportionale soziale Wirkung. In manchen ostdeutschen Gemeinden wurde das Verhältnis von Männern zu Frauen erheblich unausgewogen, was zu einem Gefühl der Isolation und Frustration beitrug, das Forscher mit Radikalisierung in Verbindung bringen. Eine Region, die sich vom eigenen Land verlassen fühlt, ist fruchtbarer Boden für eine Partei, die verspricht, die etablierte Ordnung umzustürzen.
Warum die AfD im Osten fruchtbaren Boden findet
Die Anziehungskraft der AfD im Osten speist sich aus mehreren Strömungen. Ihre Ablehnung von Einwanderung greift in Gemeinden, die das Gefühl haben, ihre Sorgen über raschen demografischen Wandel seien von den etablierten Parteien abgetan worden. Ihre freundlichere Haltung gegenüber Russland, einschließlich Skepsis gegenüber Sanktionen und militärischer Unterstützung für die Ukraine, findet in einer Region Anklang, wo kulturelle und wirtschaftliche Bindungen gen Osten bei der Wiedervereinigung abrupt gekappt wurden. Ihre generelle Anti-Establishment-Rhetorik spricht Wähler an, die sich seit 1990 nie vollständig von den Parteien vertreten gefühlt haben, die Deutschland regieren.
Das Muster ist nicht auf Sachsen-Anhalt beschränkt. In den ehemaligen ostdeutschen Ländern, von Thüringen bis Brandenburg, liegt die AfD beständig über ihrem bundesweiten Durchschnitt. In manchen ostdeutschen Wahlkreisen erreicht sie mehr als ein Drittel der Stimmen. Was die Wahl am Sonntag besonders macht, ist die realistische Möglichkeit, dass die AfD nicht nur stärkste Partei wird, sondern in eine Regierungsmehrheit eintreten könnte.
Was Landesmacht bedeuten würde
Keine rechtspopulistische Partei hat in der Nachkriegszeit ein deutsches Land regiert. Der Eintritt der AfD in die Landesregierung in Sachsen-Anhalt hätte praktische und symbolische Folgen. Auf praktischer Ebene würde eine Partei, die vom Verfassungsschutz wegen Verdachts auf Extremismus beobachtet wird, eine Landesverwaltung kontrollieren, einschließlich Polizei, Bildungs- und Kulturpolitik. Auf symbolischer Ebene würde sie eine Norm brechen, die seit fast acht Jahrzehnten Bestand hat.
Andere ostdeutsche Länder beobachten aufmerksam. Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen haben bereits starke AfD-Ergebnisse gebracht. Wenn Sachsen-Anhalt das Regierungs-Tabu bricht, würde der Druck auf die etablierten Parteien in den Nachbarländern zunehmen, Koalitionsvereinbarungen mit der AfD in Erwägung zu ziehen.
Die Grenzen ökonomischer Erklärungen
Wirtschaftliche Not allein erklärt die östliche Stärke der AfD nicht. Teile Westdeutschlands haben ähnliche Deindustrialisierung und Bevölkerungsrückgang erlebt, ohne vergleichbare rechtspopulistische Aufschwünge zu produzieren. Das Ruhrgebiet, einst Deutschlands industrielles Herzland, verlor ab den 1980er Jahren hunderttausende Bergbau- und Stahljobs, doch die AfD liegt dort weit unter ihren ostdeutschen Werten. Eurostats Regionaldaten zeigen, dass wirtschaftlicher Nachteil sich nicht sauber auf rechtspopulistische Unterstützung in Europa abbilden lässt.
Der Unterschied liegt im spezifischen Charakter der ostdeutschen Ernüchterung: nicht nur wirtschaftlicher Niedergang, sondern die Erfahrung, dass ein ganzes politisches und wirtschaftliches System über Nacht für ungültig erklärt wurde, und dass man gesagt bekam, die eigenen Fähigkeiten und Qualifikationen seien nichts wert. Dieses Gefühl kollektiver Entwertung, wie Kaiser es beschreibt, ist nicht bloß ein materieller Groll. Es ist eine Identitätsverletzung.
Ob Regierungsverantwortung die AfD mäßigen würde, bleibt ungewiss. Die internen Spaltungen der Partei zwischen einem pragmatischeren Flügel und einem hardlinigen Lager waren auf Bundesebene sichtbar. Eine Landesregierung würde schwierige Entscheidungen zwischen ideologischer Reinheit und Verwaltungskompetenz erzwingen. Die Wahl am Sonntag wird entscheiden, ob die AfD die Chance dazu erhält.
Erwähnte Personen
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Elisabeth Kaiser
Organisationen
Alternative for Germany · Treuhandanstalt