Die Alternative für Deutschland (AfD) hat 43,8 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anholt erreicht, ihr bisher stärkstes Landtagsergebnis mit deutlichem Abstand. Das lässt Bundeskanzler Friedrich Merz' Christdemokraten (CDU) mit 17,2 Prozent schwer getroffen zurück und wirft unbequeme Fragen auf hinsichtlich Deutschlands Fähigkeit, die Handelspolitik der Europäischen Union gegenüber Peking in einem kritischen Moment zu steuern.
Ein Ergebnis, das die innenpolitische Landschaft neu ordnet
Die vorläufigen Zahlen aus dem ostdeutschen Bundesland sind beachtlich. Die AfD verfehlte die absolute Mehrheit, aber nur knapp. Die CDU, die in Sachsen-Anhalt regiert hatte, sah ihren Stimmenanteil mehr als halbiert. Für Merz, der die Kanzlerschaft mit dem Versprechen übernommen hatte, die Autorität seiner Partei im Osten wiederherzustellen, ist dies ein ernster Rückschlag. Das Ergebnis spiegelt einen breiteren Trend in Ostdeutschland wider, wo die AfD in mehreren Bundesländern von einer Protestwahl zur dominierenden politischen Kraft geworden ist.
Die innenpolitischen Konsequenzen sind offensichtlich: ein geschwächter Kanzler, eine zersplitterte Koalitionsdebatte und ein politisches Establishment, das sich mit einer Opposition auseinandersetzen muss, die nun den Takt bei den Themen Einwanderung, Energie und zunehmend auch Außenpolitik vorgibt. Weniger offensichtlich, aber wohl folgenreicher für den Rest Europas, ist, was dies für Deutschlands Rolle bei der Gestaltung des EU-Ansatzes gegenüber China bedeutet.
Das Paradox der China-Haltung der AfD
AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel ist vergleichsweise freundlich gegenüber Peking aufgetreten. Sie hat die wirtschaftliche Weisheit einer Entkopplung von China infrage gestellt und Deutschlands Handelsabhängigkeit als eine Realität dargestellt, die es zu managen und nicht zu kappen gelte. Auf den ersten Blick könnte der Zuwinn einer Partei mit dieser Haltung auf eine Aufweichung der deutschen China-Politik hindeuten. Analysten argumentieren, dass eher das Gegenteil wahrscheinlich ist.
Die Logik ist einfach. Die etablierten Parteien in Deutschland, die CDU eingeschlossen, haben sich seit über einem Jahr auf einen härteren Kurs gegenüber dem chinesischen Industriewettbewerb zubewegt. Der Aufstieg der AfD schafft einen Wettbewerbsanreiz für diese Parteien zu zeigen, dass auch sie die Sorgen deutscher Hersteller ernst nehmen. Kein CDU- oder SPD-Politiker möchte sich in der Frage der wirtschaftlichen Souveränität von einer Partei weiter rechts überflügeln lassen. Das Ergebnis ist, dass Berlins Haltung zum Handel mit China eher hart als weich werden dürfte, selbst wenn die AfD selbst für Dialog wirbt.
Ablenkung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt
Es gibt einen Haken, und der ist wichtig. Ein Kanzler, der mit einer innenpolitischen Krise beschäftigt ist, hat weniger Spielraum für europäische Diplomatie. Deutschland war traditionell der Motor der EU-China-Politik: das größte Mitgliedsland, der größte Handelspartner Chinas innerhalb der Union und das Land, dessen industrielle Basis am meisten auf dem Spiel steht bei dem, was nun kommt. Wenn Berlin mit Koalitionsmanagement, den Nachwirkungen von Landtagswahlen und dem stetigen Schwund seiner östlichen Wählerschaft beschäftigt ist, kann es nicht so effektiv führen.
"Die EU tritt in die bedeutsamste Phase ihrer Beziehungen zu China seit vielen Jahren ein", sagte Noah Barkin, Senior Adviser bei der Rhodium Group. Das Timing ist ungünstig. Die Europäische Kommission steht vor einer Oktober-Frist zur Entscheidung über handelspolitische Ausgleichsmaßnahmen, die Zölle, Subventionen und Marktzugang für chinesische Unternehmen in Europa neu gestalten könnten. Die dann getroffenen Entscheidungen werden die Richtung für Jahre vorgeben.
Die Oktober-Frist und was sie bedeutet
Die Oktober-Frist ist nicht abstrakt. Brüssel untersucht, ob die chinesische Überkapazität, insbesondere bei Elektrofahrzeugen, Solarpaneelen und Stahl, den europäischen Markt verzerrt. Die Optionen reichen von neuen Anti-Subventionszöllen bis hin zu grundlegenderen Veränderungen darin, wie die EU ausländische Investitionen prüft und auf staatlich gestützten Wettbewerb reagiert. Die Kommission hat bereits vorläufige Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge verhängt; diese dauerhaft zu machen oder das Prinzip auf andere Sektoren auszudehnen, erfordert politischen Konsens unter den Mitgliedsstaaten.
Deutschlands Position in dieser Debatte ist überproportional wichtig. Berlin hat historisch einen vorsichtigeren Ansatz bevorzugt, was die Exposition seines Automobilsektors gegenüber chinesischen Vergeltungsmaßnahmen widerspiegelt. Im vergangenen Jahr hat sich diese Vorsicht verschoben, wobei die Regierung Merz frühere Zollvorschläge mittrug. Aber ein Kanzler, der gerade die Hälfte des Stimmenanteils seiner Partei bei einer Landtagswahl verloren hat, ist in einer schwächeren Position, um skeptische Mitgliedsstaaten zu überzeugen oder den innenpolitischen Widerstand der deutschen Industrie aufzufangen, sollten die Handelsspannungen eskalieren.
Worauf der Rest Europas achtet
Frankreich und die Niederlande sind im Umgang mit China hawkischer als Deutschland. Südeuropäische Staaten, insbesondere solche, die chinesische Infrastrukturinvestitionen erhalten, sind zurückhaltender. Die China-Politik der EU ist ein Flickwerk dieser Interessen, und es hält nur zusammen, wenn die größte Volkswirtschaft in eine klare Richtung drängt. Ein abgelenktes Berlin bedeutet eine langsamere, weniger kohärente europäische Antwort.
Das Ergebnis in Sachsen-Anhalt speist sich auch in eine breitere Debatte über die politische Stabilität in Europa ein. Wenn rechtspopulistische Parteien im größten Mitgliedsstaat der EU an Boden gewinnen, wird Peking das bemerken. Chinesische Beamte haben bisher kalkuliert, dass eine europäische Fragmentierung in ihrem Interesse liegt: ein gespaltenes Europa lässt sich leichter bilateral verhandeln. Der Aufstieg der AfD und das innenpolitische Chaos, das er für die etablierte deutsche Politik erzeugt, werden diese Einschätzung kaum ändern.
Erwähnte Personen
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Noah Barkin
Organisationen
Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Rhodium Group · European Commission