Am Sonntag um 8 Uhr haben in Sachsen-Anhalt die Wahllokale geöffnet, wo 1,7 Millionen Wähler einen neuen Landtag in Magdeburg wählen. Die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) geht mit über 40 Prozent in die Wahl, etwa 17 Punkte vor der Christlich Demokratischen Union (CDU), die das ostdeutsche Bundesland seit 2002 regiert. Wenn die AfD die 50-Prozent-Marke überschreitet, könnte sie eine Ein-Parteien-Regierung bilden, die erste rechtsextreme Regierung in einem deutschen Bundesland seit dem Zweiten Weltkrieg.
Wahlbeteiligung steigt im ostdeutschen Bundesland
Zur Mittagszeit lag die Wahlbeteiligung bei 34 Prozent, verglichen mit 22,4 Prozent zum gleichen Zeitpunkt bei der Wahl 2021, laut dem Landeswahlleiter. Dies bedeutet einen Anstieg der frühen Beteiligung um 50 Prozent. Die endgültige Wahlbeteiligung vor fünf Jahren lag bei 60,3 Prozent einschließlich der Briefwähler. DW-Korrespondent Jens Thurau, der aus Magdeburg berichtet, sagte, der Anstieg spiegele die außergewöhnliche Aufmerksamkeit wider, die die Wahl auf sich gezogen habe. 500 Journalisten aus den USA, Kanada, Taiwan und China sind akkreditiert. Die hohe Mobilisierung macht es schwieriger vorherzusagen, welche Parteien davon profitieren: Historisch gesehen profitieren kleinere Parteien von Spätentscheidern, aber die Kernanhängerschaft der AfD ist ebenfalls hoch motiviert.
Die Brandmauer und die Koalitionsarithmetik
Der politische Mainstream in Deutschland hält an einer Brandmauer gegen die Zusammenarbeit mit der AfD fest, die der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextreme Organisation einstuft. Keine andere Partei wird eine Koalition mit ihr eingehen. Das bedeutet, dass die AfD eine absolute Mehrheit benötigt, um allein zu regieren. Die Arithmetik hängt von der 5-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament ab. SPD, Grüne, FDP und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) liegen in Umfragen alle nahe an dieser Marke. Wenn alle vier an ihr scheitern, werden ihre Stimmen neu verteilt und die AfD könnte mit etwa 45 Prozent der Stimmen die Mehrheit der Sitze gewinnen, das Ziel „45 Prozent plus X“, das Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ausgegeben hat.
Wenn mehr Parteien in den Landtag einziehen, wird die Koalitionsbildung weitaus komplizierter. Sven Schulze, der CDU-Ministerpräsident, würde wahrscheinlich drei Partner benötigen, möglicherweise SPD, Grüne und FDP, um eine Mehrheit zusammenzustellen. Er hat während des gesamten Wahlkampfs das Mantra wiederholt: „Das ist noch lange nicht entschieden.“ Nach der Stimmabgabe in Magdeburg sagte er Reportern: „Jetzt werden wir abwarten.“
Migration dominiert trotz geringem Ausländeranteil
Migration war das dominierende Wahlkampfthema, obwohl ausländische Staatsbürger Ende 2025 nur 9 Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt ausmachten, etwa die Hälfte des Anteils in Nordrhein-Westfalen. Das Bundesland hat auch einen relativ geringen Anteil an ausländischen Staatsbürgern unter den potenziellen Leistungsbeziehern. Die Nettomigration war in den letzten sechs Jahren sowohl für deutsche als auch für nicht-deutsche Staatsbürger positiv, und die Bevölkerung ist seit 2016 gewachsen. Der „100-Tage-Sofortaktionsplan“ der AfD verspricht, ausländische Staatsbürger, deren Aufenthalt aus humanitären Gründen geduldet wird, die aber kein gesetzliches Aufenthaltsrecht haben, „ab Minute eins“ abzuschieben, die Finanzierung für prodemokratische NGOs zu kürzen, Flüchtlinge zur Arbeit zu verpflichten und „Liebe zur deutschen Heimat über gesellschaftliche Vielfalt“ zu stellen.
Was eine rechtsextreme Landesregierung bedeuten würde
Eine von der AfD geführte Regierung würde die Landespolizei, die Bildungspolitik und die Kulturförderung in einem Gebiet mit 2,1 Millionen Einwohnern kontrollieren. Sie könnte die Stimmen des Bundeslandes im Bundesrat, dem Oberhaus Deutschlands, lenken und möglicherweise Bundesgesetze blockieren. Die Symbolik wäre tiefgreifend: der erste rechtsextreme Ministerpräsident seit 1945, in einem Bundesland, das Teil der DDR war. Der Landesverband der AfD steht bereits unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Eine von ihm geführte Regierung würde die Verfassungsordnung auf eine Weise auf die Probe stellen, die Deutschland seit der Wiedervereinigung nicht erlebt hat.
Berlin achtet auf bundesweites Signal
Die CDU von Bundeskanzler Friedrich Merz steht nach schwachen Ergebnissen in anderen ostdeutschen Bundesländern bereits unter Druck. Eine schwere Niederlage seiner Partei in Sachsen-Anhalt würde die Fragen zur CDU-Strategie gegenüber der AfD verschärfen, ob die Brandmauer verhärtet oder versucht werden sollte, Wähler mit härterer Rhetorik zur Migration zurückzugewinnen. Die Bundesregierung, eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP, hat ebenfalls viel auf dem Spiel: Ein Durchbruch der AfD würde der Partei vor der nächsten Bundestagswahl, die bis Herbst 2027 stattfinden muss, Auftrieb geben. DW-Politikkorrespondent Matthew Moore sagte, er habe „seit Brexit oder Trump gegen Hillary Clinton 2016 keine polarisierendere Wahl mehr erlebt. Das liegt daran, dass so viel auf dem Spiel steht.“
Ergebnisse werden über Nacht erwartet
Die Wahllokale schließen um 18 Uhr (16:00 GMT). ARD und ZDF werden sofort ihre ersten Hochrechnungen veröffentlichen, die auf Exit Polls von Infratest dimap bzw. Forschungsgruppe Wahlen basieren. Ein vorläufiges amtliches Ergebnis wird in den frühen Morgenstunden des Montag erwartet. Briefwahlstimmen, die 2021 einen erheblichen Anteil ausmachten, werden im Laufe der Nacht eingerechnet. Der neue Landtag wird dann den Ministerpräsidenten wählen, ein Prozess, der Wochen dauern könnte, falls Koalitionsverhandlungen erforderlich sind.
Erwähnte Personen
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Jens Thurau
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Matthew Moore
Organisationen
Alternative for Germany · Christian Democratic Union · Social Democratic Party of Germany · Alliance 90/The Greens · Free Democratic Party · The Left