Exit-Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag sehen die Alternative für Deutschland (AfD) bei 44,1 bis 44,5 Prozent der Stimmen. Damit würde die Partei ihr Ergebnis von 2021 (20,8 Prozent) mehr als verdoppeln und deutlich vor der Christlich Demokratischen Union (CDU) von Bundeskanzler Friedrich Merz mit 18,5 Prozent liegen. Sollten sich die Prognosen der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF bei der Auszählung bestätigen, wäre die AfD die erste vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei, die seit dem Zweiten Weltkrieg eine Landtagswahl in Deutschland gewinnt.

Die Zahlen hinter dem Höhenflug

Das Ausmaß der Verschiebung ist bemerkenswert. 2021 erreichte die CDU in Sachsen-Anhalt 37,1 Prozent, genug, um eine Koalition anzuführen. Fünf Jahre später ist ihre Unterstützung etwa um die Hälfte eingebrochen. Die AfD hat dagegen mehr als 23 Prozentpunkte zugelegt. Das Statistische Bundesamt wird das Endergebnis in den kommenden Tagen feststellen, doch Exit-Umfragen haben sich bei deutschen Regionalwahlen historisch als zuverlässig erwiesen. Die Wahlbeteiligung wurde als ungewöhnlich hoch angegeben, was darauf hindeutet, dass der polarisierte Wahlkampf sowohl die AfD-Basis als auch Gegner mobilisierte, die sich nicht auf eine gemeinsame Alternative einigen konnten.

Auch in den bundesweiten Umfragen ist die AfD seit der Bundestagswahl 2025, bei der sie mit 20,8 Prozent Zweite wurde, stetig gestiegen. Aktuelle Erhebungen sehen die Partei zwischen 22 und 24 Prozent, vor der CDU. Das Sonntags-Ergebnis in Sachsen-Anhalt, einem Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern im früheren Ostdeutschland, wird von beiden Seiten als Beleg dafür angeführt werden, ob dieser bundesweite Trend an Tempo gewinnt oder sich stabilisiert.

Siegmund und das neue Gesicht der AfD

Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, ist 35 Jahre alt und sammelte erste Erfahrungen im Marketing, bevor er in die Politik ging. Sein Wahlkampfstil, makellos gebügelte weiße Hemden, ein stets gleicher Seitenscheitel, ein selten aus der Fassung geratendes Lächeln, markiert eine bewusste Abkehr vom schäbigeren Image, das die Partei in ihren Anfangsjahren pflegte. Vor der Kamera spricht er über Massenabschiebungen und die Umgestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im selben freundlichen Ton, in dem er auch über Bildungspolitik redet. Diese Dissonanz, der gepflegte Moderator, der Positionen vertritt, die das Bundesamt für Verfassungsschutz in mehreren Bundesländern als extremistisch eingestuft hat, steht im Zentrum des Versuchs der Partei, ihr Programm zu normalisieren.

Siegmunds Programm umfasst das Ende der Zusammenarbeit mit der Bundesregierung in der Migrationspolitik, die Aufhebung des Flüchtlingsschutzes für Ukrainer und die Neuausrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks des Landes auf das, was die Partei 'patriotische Inhalte' nennt. Er hat zudem engere Bindungen an Russland und an die MAGA-Bewegung in den Vereinigten Staaten gefordert. Nach der Veröffentlichung der Exit-Umfragen sagte er vor Anhängern: 'Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben. Es geht nicht nur um Sachsen-Anhalt. Es ist ein Signal für ganz Deutschland, ein selbstbewusstes Signal.'

Internationale Reaktionen offenbaren Bruchlinien

Die internationale Reaktion kam sofort und fiel polarisiert aus. Donald Trump postete einen Screenshot der Prognosen auf Truth Social, eine Geste, die von Kirill Dmitriev, dem russischen Präsidialbeauftragten für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, verstärkt wurde, der das Ergebnis als 'historischen Sieg' bezeichnete. Elon Musk gratulierte der Partei auf X; Siegmund antwortete mit Dank für dessen 'Unterstützung' und 'klare und überaus wichtige Sicht auf die politischen Entwicklungen unserer Zeit'.

In Warschau äußerte Premierminister Donald Tusk eine ganz andere Sicht und schrieb: 'In Polen können nur Idioten oder Verräter über den Triumph der AfD in Deutschland jubeln.' Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad bezeichnete das Ergebnis als 'ernsten Moment für Europa'. Die Spaltung spiegelt die breitere geopolitische Bruchlinie: Regierungen, die die AfD als Partnerin bei der Infragestellung des EU-Konsenses zur Ukraine, zu Migration und Rechtsstaatlichkeit sehen, auf der einen Seite, jene, die ihren Aufstieg als direkte Bedrohung für das europäische Projekt betrachten, auf der anderen.

Was dies für Merz und die CDU bedeutet

Für Friedrich Merz ist das Ergebnis ein persönlicher und strategischer Schlag. Er wurde 2025 mit dem Versprechen Bundeskanzler, den Vormarsch der AfD durch eine Verschärfung der Migrationspolitik und ein konservatives Gegenangebot zu stoppen. Stattdessen hat sich die CDU in einem Land, das sie drei Jahrzehnte lang regierte, halbiert. Merz' Strategie der rhetorischen Annäherung, eine schärfere Sprache bei Abschiebungen und Grenzschutz zu pflegen, hat die Agenda der AfD offenbar legitimiert, ohne deren Wähler zurückzugewinnen. Interne Kritiker der CDU haben bereits begonnen zu hinterfragen, ob die Partei eher eine klarere als eine verwischte Abgrenzung zum rechten Rand braucht.

Die CDU ist in bundesweiten Umfragen seit der letzten Bundestagswahl von 28,5 auf 26 Prozent gerutscht. Sollte sich das Sachsen-Anhalt-Muster bei den anderen ostdeutschen Landtagswahlen 2027 in Brandenburg, Thüringen und Sachsen wiederholen, droht der CDU in ihren früheren Hochburgen eine vollständige Niederlage. Das würde die Arithmetik jeder künftigen Bundeskoalition verschieben und die CDU möglicherweise vor die unangenehme Wahl zwischen einer großen Koalition mit der SPD oder einer Minderheitsregierung stellen, die auf die Tolerierung durch die AfD angewiesen ist.

Die Extremismuseinstufung und die demokratischen Schutzmechanismen

Die AfD wird derzeit vom Bundesamt für Verfassungsschutz als 'rechtsextremer Verdachtsfall' eingestuft, mehrere Landesverbände, darunter jener in Sachsen-Anhalt, gelten als 'gesichert rechtsextrem'. Diese Einstufung erlaubt es dem Amt, Überwachungsinstrumente gegen die Partei einzusetzen, verbietet ihr aber nicht, an Wahlen teilzunehmen oder in Regierungen einzutreten. Ein formelles Verbotsverfahren würde einen separaten Antrag beim Bundesverfassungsgericht erfordern, eine hohe Hürde, die in der Nachkriegsgeschichte nur zweimal versucht wurde: gegen die Sozialistische Reichspartei 1952 und die Kommunistische Partei Deutschlands 1956. Beide Verbotsanträge waren erfolgreich. Gegen die AfD wurde kein solcher Antrag gestellt.

Die übrigen Parteien in Sachsen-Anhalt, CDU, SPD, Grüne, Linke und FDP, haben eine Koalition mit der AfD allesamt ausgeschlossen. Diese 'Brandmauer' hielt in Thüringen 2024, als die AfD die meisten Stimmen erhielt, aber von der Regierung ausgeschlossen wurde. Ob sie in Magdeburg hält, hängt davon ab, ob die AfD die absolute Sitzmehrheit erreicht, die ihr eine Alleinregierung erlauben würde, oder ob die übrigen Parteien ohne sie eine tragfähige Koalition bilden können. Die Sitzprognose deutet darauf hin, dass die AfD die Mehrheit knapp verfehlen könnte, der Abstand ist jedoch gering.

Warum dies wichtig ist

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Wie es weitergeht

Das Wesentliche

Erwähnte Personen

  • Alice Weidel

    Federal leader of the AfD, Alternative für Deutschland

  • Ulrich Siegmund

    AfD lead candidate in Saxony-Anhalt, Alternative für Deutschland

  • Friedrich Merz

    Chancellor of Germany, Christian Democratic Union

  • Donald Tusk

    Prime Minister of Poland, Polish Government

  • Benjamin Haddad

    Europe Minister of France, French Government

Organisationen

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