Die Alternative für Deutschland (AfD) geht mit einem komfortablen Vorsprung in den Umfragen und einem Regierungsentwurf in den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, der die Migrations-, Sicherheits- und Kulturpolitik des Landes auf eine Weise umgestalten würde, die die Grenzen der Landeszuständigkeit nach dem Grundgesetz auf die Probe stellt. Der Spitzenkandidat der Partei, Ulrich Siegmund, kämpft darum, der erste AfD-Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes zu werden und das zu leiten, was die Partei sich als Alleinregierung erhofft.

Ein Programm, das verfassungsrechtliche Grenzen auf die Probe stellt

Das Wahlprogramm der AfD verspricht "Abschiebung ab Minute eins" und setzt sich das Ziel, so viele Menschen ohne Aufenthaltsstatus wie möglich abzuschieben. Um dies zu erreichen, schlägt die Partei die Ausweitung von Abschiebehaft, die Einführung einer Arbeitspflicht für Asylsuchende und die Streichung aller Landesmittel für Integrationsprogramme vor, die sie als "Asylindustrie" bezeichnet. Kinder und Jugendliche ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus würden vom regulären Schulunterricht ausgeschlossen. Eine "Remigrations-Taskforce" innerhalb der Landesregierung soll die Asylpolitik koordinieren.

Wie viel davon eine Landesregierung umsetzen kann, ist umstritten. Die Befugnis, Abschiebungen anzuordnen, liegt beim Bund, nicht bei den Ländern. Die Einrichtung separater Klassen für Flüchtlingskinder verstößt wahrscheinlich gegen die UN-Kinderrechtskonvention und EU-Richtlinien zum Bildungszugang. Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz bereits als "gesichert rechtsextrem" eingestuft, eine Einstufung, die den Verfassungsschutzbehörden erweiterte Überwachungsbefugnisse gegenüber dem Landesverband der Partei einräumt.

Demografischer Kollaps und Fachkräftelücke

Sachsen-Anhalt hat seit der Wiedervereinigung stärker geschrumpft als jedes andere deutsche Bundesland. Die Bevölkerung ist von rund 2,9 Millionen im Jahr 1990 auf heute 2,1 Millionen gesunken, ein Rückgang von 27,6 %. Der Exodus hat tiefe Lücken auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen, insbesondere in der Kranken- und Altenpflege. Die Antwort der AfD ist ein "Rückkehrprogramm", das sich an im Ausland lebende Deutsche richtet, komplett mit einem "Rückkehrbonus" für Wohnen und Kinderbetreuung. Das Programm enthält keine Kostenschätzungen oder Ziele, wie viele Rückkehrer es anzuziehen hofft.

Reint Gropp, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, sagte der Welt, dass das Programm nach hinten losgehen würde. "Hochqualifizierte Fachkräfte haben insbesondere Optionen. Wenn sie sich unerwünscht fühlen oder mit Feindseligkeiten rechnen müssen, werden sie andere Regionen wählen." Seine Warnung unterstreicht ein Paradoxon: Ein Land, das verzweifelt Arbeitskräfte sucht, flirtet mit einer Regierung, die genau den Menschen Feindseligkeit signalisiert, die es anwerben muss.

Föderaler Hebel über den Bundesrat

Landesregierungen haben in der Außen- und Verteidigungspolitik kein formelles Mitspracherecht, aber sie sitzen im Bundesrat, der Kammer, die die Länder in der Bundesgesetzgebung vertritt. Ein AfD-Ministerpräsident könnte diese Plattform nutzen, um die nationale Debatte zu verschieben. Das Programm der Partei fordert eine Annäherung an Russland, ein Ende der nach der Invasion der Ukraine 2022 verhängten Sanktionen und einen erweiterten Russischunterricht an Schulen durch die Rekrutierung von Muttersprachlern. Es fordert zudem eine "Rückkehroffensive" für ukrainische Flüchtlinge, was wiederum in die Bundeszuständigkeit fällt.

Diese Positionen sind auf Landesebene weitgehend symbolisch, aber sie würden der AfD eine ständige Stimme in den Ausschüssen des Bundesrates geben, wo die Partei Bundesgesetze, die der Zustimmung der Länder bedürfen, verzögern oder erschweren könnte. Die praktische Auswirkung würde davon abhängen, ob andere Länder einen AfD-Vertreter in diesen Gremien tolerieren oder ihn durch verfahrenstechnische Mittel isolieren.

Bürgerwehren und das Gewaltmonopol

Zu den umstrittensten Vorschlägen gehört eine "freiwillige Bürgerwehr", die als dritte Säule der lokalen Sicherheit neben der Polizei und den kommunalen Ordnungsämtern beschrieben wird. Die AfD argumentiert, die reguläre Polizei sei "überfordert". Thomas Feltes, ein Kriminologe an der Ruhr-Universität Bochum, wies die Idee in einer Kolumne für Legal Tribune Online zurück. "Es ist die Pflicht der Polizei, Gefahren abzuwehren und den Schutz der Öffentlichkeit zu gewährleisten. Nur die Polizei ist berechtigt, dabei Gewalt anzuwenden", schrieb er. Eine Bürgerwehr, so argumentierte er, würde als Selbstjustiz-Gruppe fungieren und die Kriminalitätsfurcht in der breiten Bevölkerung erhöhen, nicht nur unter den Teilnehmern.

Der Vorschlag entspricht ähnlichen Initiativen, die die AfD in anderen ostdeutschen Ländern ins Spiel gebracht hat. In Brandenburg und Thüringen haben die Innenministerien Hilfskräfte mit der Begründung abgelehnt, dass sie das staatliche Gewaltmonopol untergraben und Verantwortungslücken schaffen. Jeder Versuch, eine solche Kraft in Sachsen-Anhalt gesetzlich zu verankern, würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verfassungsrechtlich angefochten werden.

Geschichtsrevision und Streichung von Mitteln für die Zivilgesellschaft

Der kulturelle Abschnitt des Programms offenbart das breitere ideologische Projekt der Partei. Es beschreibt die deutsche Nachkriegsauseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten als "Fortführung eines Schuldkomplexes" und verspricht, Lehrpläne entsprechend zu überarbeiten. Regenbogenflaggen würden in Schulen als Symbole der Vielfalt verboten. Die Bauhaus-Bewegung, die in Dessau aufblühte und eine UNESCO-Weltkulturerbestätte ist, wird als "zu globalistisch" abgetan. An deren Stelle verspricht die AfD eine "patriotische Kulturpolitik".

Die Finanzierung von Projekten zur Förderung der Demokratie, von denen viele rechtsextremen Extremismus überwachen und die Integration von Migranten unterstützen, würde eingestellt. Die Partei stellt diese Organisationen als parteiische Akteure dar. Kritiker argumentieren, dass die Streichung ihrer Mittel die Infrastruktur aushöhlen würde, die Hasskriminalität dokumentiert und bekämpft, wodurch eine Lücke entstünde, die der Staat nicht füllen würde.

Erwähnte Personen

  • Ulrich Siegmund

    AfD lead candidate for state premier, Alternative for Germany

  • Reint Gropp

    President of the Halle Institute for Economic Research, Halle Institute for Economic Research

  • Thomas Feltes

    Legal scholar and criminologist, Ruhr University Bochum

Organisationen

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