Die Wähler in Sachsen-Anhalt gehen an diesem Wochenende bei einer Wahl an die Urnen, die ein seit der Gründung der Bundesrepublik bestehendes Tabu brechen könnte. Die Alternative für Deutschland (AfD) führt seit Monaten alle Meinungsumfragen an, und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat eine realistische Chance, der erste Politiker einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei zu werden, der seit 1945 eine deutsche Landesregierung anführt.

Ein Parfümverkäufer an den Pforten der Macht

Siegmund, 37, entspricht nicht der Karikatur eines aufbrausenden Demagogen. Bevor er in die Vollzeitpolitik ging, betrieb er ein kleines Parfümgeschäft im Harz. Kollegen beschreiben ihn als diszipliniert, leise sprechend und akkurat, Eigenschaften, die ihm in einer Partei gute Dienste geleistet haben, in der es an interner Disziplin oft mangelt. Er trat 2015 der AfD bei, im Jahr der Migrationskrise, die die Partei aus einem euroskeptischen Professorenklub zu einer nationalistischen Kraft machte. 2021 sicherte er sich ein Mandat im Magdeburger Landtag; zwei Jahre später übernahm er den Vorsitz der Landtagsfraktion und setzte sich dabei gegen Rivalen aus dem radikaleren Flügel der Partei durch.

Seine Biografie ist nützlich für den Versuch der AfD, ihre Anziehungskraft über ihren Kern hinaus zu erweitern. Er ist jung genug, eine Zukunft für sich zu beanspruchen, ostdeutsch genug, die Beschwerden der Region zu verkörpern, und beruflich gewöhnlich genug, das Etikett des 'Extremisten' abzuwehren, das der Parteiführung in Thüringen und Sachsen anhaftet. Der Verfassungsschutz (BfV) stuft die AfD in Sachsen-Anhalt weiterhin als 'Verdachtsfall' ein, eine Einstufung, die die Partei vor Gericht anficht. Siegmunds eigene Rhetorik ist jedoch verhärtet. Er spricht von 'Remigration', fordert die Schließung von Moscheen, die 'Hass predigen', und hat die Auflösung des Bundesamtes für Verfassungsschutz gefordert.

Das Spiegel-Titelblatt und die Reaktion des Parfümverkäufers

Das prägende Bild des Wahlkampfs kam vor drei Wochen, als Der Spiegel, das einflussreichste Nachrichtenmagazin Deutschlands, Siegmund auf sein Titelblatt setzte unter der Schlagzeile 'Deutschlands gefährlichster Mann'. Der begleitende Essay argumentierte, dass seine Kombination aus bürgerlichem Auftreten und radikalem Programm ihn wirksamer mache als lautere Ideologen. Das Kommunikationsteam der AfD erkannte das Geschenk sofort. Innerhalb von Stunden wurde Siegmund bei einer Kundgebung in Halle fotografiert, wie er ein Exemplar in der Hand hielt, den Filzstift schwingend und Autogramme für Unterstützer unterschrieb, die Schlange standen, um die Ausgabe zu kaufen. 'Sie wollten ihn dämonisieren', sagte ein Parteistratege gegenüber lokalen Medien. 'Sie haben ihn zum Volkshelden gemacht.'

Der Vorfall fasst eine Dynamik zusammen, die die Gegner der AfD ein Jahrzehnt lang frustriert hat: Jede institutionelle Warnung, sei es vom BfV, den Kirchen, den Gewerkschaften oder der Mainstream-Presse, wird von der Partei als Beweis recycelt, dass die 'Kartellparteien' Angst vor der einzigen echten Opposition haben. In Sachsen-Anhalt, wo das Vertrauen in Bundesbehörden weit unter dem Bundesdurchschnitt liegt, ist dieser Effekt verstärkt. Eine Ende August veröffentlichte Forsa-Umfrage zeigte, dass 42 Prozent der AfD-Wähler im Bundesland glauben, die Einstufung durch den Verfassungsschutz sei politisch motiviert.

Die ostdeutsche Hochburg der AfD

Sachsen-Anhalt ist seit der Gründung der Partei ein fruchtbarer Boden für die AfD. Bei der Landtagswahl 2016 erreichte sie 24,3 Prozent, ihr bestes Ergebnis in einem west- oder ostdeutschen Bundesland zu dieser Zeit. 2021 verbesserte sie sich auf 23,7 Prozent, trotz eines bundesweiten Einbruchs, und wurde damit zur zweitstärksten Kraft im Landtag hinter der CDU. Die Demografie des Bundeslandes erklärt vieles: eine ältere Bevölkerung, unterdurchschnittliche Einkommen, Nettoabwanderung der Jungen und Gebildeten sowie eine von deindustrialisierten Chemiestädten wie Bitterfeld und Leuna geprägte Landschaft. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 7,1 Prozent, fast zwei Punkte über dem Bundesdurchschnitt, während das Pro-Kopf-BIP laut Destatis das zweitniedrigste aller sechzehn Bundesländer ist.

Doch die Wirtschaft allein erfasst die Stimmung nicht. Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung haben viele Ostdeutsche das Gefühl, dass ihre Biografien durch eine vom Westen dominierte Transformation abgewertet wurden. Die AfD hat diesen Groll instrumentalisiert und sich als Verteidigerin des 'Ostens' gegen eine herablassende Berliner Elite positioniert. Siegmunds Wahlplakate tragen den Slogan 'Wir sind das Volk', eine Anspielung auf die Montagsdemonstrationen von 1989, die die SED-Diktatur stürzten. Kritiker nennen es Aneignung, Unterstützer nennen es Kontinuität.

Die Koalitionsarithmetik

Selbst wenn die AfD Erster wird, was Umfragen zufolge bei 30 bis 33 Prozent liegt, ist die Regierungsbildung eine andere Frage. Die CDU, die derzeit in einer Koalition mit SPD und FDP regiert, hat eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen ausgeschlossen. SPD und Grüne lehnen kategorisch ab. Die Linkspartei, die im scheidenden Parlament 11 Sitze hält, liegt in den Umfragen unter der Fünf-Prozent-Hürde und könnte ausscheiden. Die FDP schwankt bei vier Prozent. Die wahrscheinlichste Arithmetik ist daher eine von der CDU geführte Minderheitsregierung, die von SPD und FDP toleriert wird, oder eine 'Kenia-Koalition' aus CDU, SPD und Grünen, die über eine knappe Mehrheit verfügen würde, aber von den Grünen tiefe inhaltliche Kompromisse verlangt.

Es gibt einen Präzedenzfall. In Thüringen blockierte der AfD-Politiker Björn Höcke im Jahr 2020 wochenlang die Wahl des Ministerpräsidenten und zwang die CDU in ein instabiles Minderheitsarrangement, das innerhalb von Monaten zusammenbrach. Die Verfassung von Sachsen-Anhalt verlangt in den ersten zwei Wahlgängen die absolute Mehrheit; erst im dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Das gibt der AfD Hebelkraft: Sie kann der CDU unbegrenzt eine Mehrheit verweigern und damit Neuwahlen oder einen Bruch der Brandmauer erzwingen. Der CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff hat gesagt, er würde eher eine Minderheitsregierung anführen als das Tabu brechen. Sein Bundesvorsitzender, Friedrich Merz, war weniger kategorisch und sagte der Bild am Sonntag im Juli, dass 'örtliche Entscheidungen zu den Ortsverbänden gehören'.

Was die Wahl für Berlin bedeutet

Die Bundesregierung baut mit Sorge entgegen. Die Ampelkoalition (SPD, Grüne, FDP) von Bundeskanzler Olaf Scholz verzeichnet bundesweit historische Tiefstwerte in den Umfragen. Ein AfD-Ministerpräsident in Magdeburg wäre ein psychologisches Erdbeben, das signalisieren würde, dass die Brandmauer auf Länderebene gescheitert ist, und die Partei im Vorfeld der Bundestagswahl 2027 als regierungsfähige Kraft legitimieren würde. Es würde auch die Positionierung der CDU erschweren. Merz hat seine Führung auf eine 'konservative Erneuerung' gesetzt, die eine scharfe Grenze gegen die AfD zieht, aber deren Rhetorik zu Migration und Identität übernimmt. Ein Durchbruch in Sachsen-Anhalt würde den rechten Flügel der CDU stärken, der formelle Zusammenarbeit fordert oder zumindest eine Lockerung des 'Unvereinbarkeitsbeschlusses', der das gemeinsame Abstimmen mit der AfD verbietet.

Die internationale Dimension ist den Verbündeten nicht entgangen. Frankreich und Polen haben leise Besorgnis über die Normalisierung einer Partei geäußert, deren Führer Deutschlands Ostgrenzen infrage gestellt und ein 'Dexit'-Referendum gefordert haben. In Brüssel überwacht die Europäische Kommission die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit in den Mitgliedsstaaten; eine von der AfD geführte Landesregierung würde die Grenzen des Artikel-7-Verfahrens testen, das für nationale Regierungen und nicht für regionale konzipiert ist.

Ein Test für die Brandmauer

Der Begriff 'Brandmauer' fand 2020 nach der Thüringen-Krise Eingang in den deutschen politischen Wortschatz. Er beschreibt die inoffizielle, aber bindende Vereinbarung der demokratischen Parteien, nicht mit der AfD zu kooperieren, sie zu tolerieren oder von ihr abhängig zu sein. In Sachsen-Anhalt steht die Brandmauer vor ihrem härtesten Test. Der Landesverband der CDU hat Mitglieder ausgeschlossen, die in Kommunalräten mit der AfD abgestimmt haben. Dennoch wächst der Druck von unten. Eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung im Juni ergab, dass 28 Prozent der CDU-Wähler im Bundesland glauben, ihre Partei sollte bei inhaltlichen Fragen 'mit der AfD sprechen'. Unter den AfD-Wählern wollen 81 Prozent, dass die CDU mit ihrer Partei regiert.

Siegmund hat sich in der Öffentlichkeit gehütet, eine Koalition zu fordern. 'Wir wollen regieren', sagte er der Mitteldeutschen Zeitung im August. 'Wenn die CDU unsere Positionen zu Migration, Energie und Bildung teilt, wissen sie, wo sie uns finden.' Diese bedingte Sprache ist beabsichtigt. Sie verlagert die Verantwortung auf die CDU: Entweder AfD-Politik übernehmen oder AfD-Stimmen akzeptieren. Beide Ergebnisse dienen der langfristigen Normalisierungsstrategie der Partei.

Die Woche in Europa: Migration, Macron und Raketen

Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat sich nicht im luftleeren Raum abgespielt. In London begann Emmanuel Macron einen Staatsbesuch, der von der Ausleihe des Teppichs von Bayeux geprägt war, einer Geste der kulturellen Diplomatie, die angespannte Diskussionen über die Migration über den Ärmelkanal kaum verdeckte. Keir Starmer sucht in seinen ersten Monaten als Premierminister ein Rücknahmeabkommen mit Paris, das es Großbritannien ermöglichen würde, Asylsuchende nach Frankreich zurückzusenden. Macron will im Gegenzug ein breiteres EU-GB-Sicherheitsabkommen. Unterdessen traten Nigel Farage und Jordan Bardella, die Vorsitzenden von Reform UK bzw. Rassemblement National, gemeinsam in Birmingham auf und projizierten eine transnationale nationalistische Achse, von der beide hoffen, dass sie ihre inländischen Basen mobilisiert.

Weiter im Osten erlebte Kiew das intensivste russische Bombardement seit vier Jahren. Marschflugkörper, ballistische Raketen und Drohnenschwärme überwältigten die Luftverteidigung und töteten mindestens zwölf Zivilisten. Ukraines Außenminister appellierte direkt an westliche Hauptstädte für zusätzliche Patriot-Abfangraketen und warnte, dass die Bestände erschöpft seien. Seit Juni haben laut Zahlen der Associated Press mehr als 43.000 ukrainische Drohnen russisches Territorium angegriffen oder sind dort abgefangen worden, was einen Krieg veranschaulicht, der zunehmend durch asymmetrische Abnutzung anstatt von Frontbewegungen geprägt ist.

Erwähnte Personen

  • Ulrich Siegmund

    Lead candidate for the Alternative for Germany in Saxony-Anhalt, Alternative for Germany

Organisationen

Alternative for Germany · Der Spiegel