Deutschland steht am Sonntag vor einer politischen Schwelle, die seit der Gründung der Bundesrepublik nicht überschritten wurde. In Sachsen-Anhalt, einem Land mit 2,2 Millionen Einwohnern im ehemaligen Ostdeutschland, liegt die Alternative für Deutschland (AfD) in Umfragen bei über 40 % und könnte die erste rechtsextreme Partei werden, die seit 1945 eine Landesregierung bildet. Die Wahl ist nicht nur ein regionaler Wettstreit; sie ist ein Test dafür, ob die Brandmauer, die die AfD auf Landesebene seit ihrer Gründung 2013 eingedämmt hat, hält.

Der Wahlkampf hat zwei Gesichter. Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der Partei, ist ein Social-Media-Phänomen, das sich als „normaler Bürger“ inszeniert und TikTok und Instagram mit Pointen flutet. Hans-Thomas Tillschneider, 48, ist der Ideologe, der das Programm schreibt. „If Ulrich Siegmund is the presentable candidate who sells the party's agenda to the public, Hans-Thomas Tillschneider is more of the mastermind of this campaign“, sagt Anna-Sophie Heinze von der Universität Lüneburg. Die Arbeitsteilung ist bewusst: Siegmund liefert das Lächeln, Tillschneider den Inhalt.

Ein Ideologe mit ungewöhnlicher Biografie

Tillschneiders Lebenslauf liest sich weniger wie der eines deutschen Nationalisten denn wie der eines kosmopolitischen Akademikers. In Timișoara, Rumänien, als Kind deutscher Abstammung geboren, studierte er Islam und Philosophie in Freiburg und Leipzig, forschte in Damaskus zu einem muslimischen Juristen des 18. Jahrhunderts und promovierte darüber. Deutsche Medien nannten ihn „Dr Extreme Right“. Doch seine intellektuelle Prägung hat seine Politik nicht gemildert; sie lieferte ihm ein Vokabular zivilisatorischer Konflikte, das er nun gegen den deutschen Mainstream einsetzt.

Seine prorussische Aktivität ist ebenso auffällig. Kurz nach Russlands großangelegtem Einmarsch in die Ukraine 2022 reiste Tillschneider nach Moskau, um Solidarität mit Wladimir Putin zu demonstrieren, und suchte das besetzte Donezk zu besuchen, wurde aber von der Parteiführung davon abgehalten. 2024 erschien er in Kaliningrad, schwenkte eine russische Fahne neben anderen AfD-Mitgliedern. Ein aktueller Bild-Bericht fotografierte eine Tasse der russischen Armee in seiner Wohnung; ein Video, in dem er den Fund verharmloste, verbreitete sich rasant. Das Programm spiegelt diese Ausrichtung wider: Es fordert ein Ende der Sanktionen gegen Russland, dass ukrainische Flüchtlinge „like other refugees“ behandelt werden, und mehr Russischunterricht an Schulen.

Russland, Remigration und der Kulturkampf

Das AfD-Programm für Sachsen-Anhalt stellt „Familie und Kinder“ an erste Stelle, „Einwanderung und Remigration“ an zweite und „Kultur“ an dritte. Kein anderer Landesverband der AfD hebt Kultur so hoch; das Bundesprogramm erwähnt sie auf Seite 104 von 114, das von Mecklenburg-Vorpommern auf Seite 92 von 93. Für Tillschneider ist Kultur das Terrain, auf dem die Partei sofort handeln kann. Einwanderungspolitik liegt beim Bund in Berlin; Bildung, Denkmalpflege und Kulturförderung liegen in Magdeburg.

Sven Leunig von der Universität Jena, der das Programm untersuchte, beschreibt es als „a conservative-reactionary programme that proposes rolling back on 20 to 30 years of social progress, especially in recognition of the LGBTQ+ community and women's rights. It advocates a strongly anti-immigration stance and denies the urgency of acting on global warming.“ Der Begriff „Remigration“, ein Euphemismus für Massenabschiebungen, taucht explizit auf. Die Klimaleugnung ist kategorisch. Die Russland-Position bedingungslos.

Bauhaus, Bismarck und die Sprache der 1930er Jahre

Tillschneiders kulturpolitische Ziele sind konkret. Er versprach, die „public funding promoting anti-German art“ zu stoppen, ohne den Begriff zu definieren. Die Bauhaus-Bewegung, 1919 in Weimar gegründet und 1933 von den Nazis zwangsaufgelöst, wird als Vertreter einer „a modernity which is losing its way“ herausgegriffen, eine Formulierung, die Jan Niklas Reiche als Echo der NS-Denunziation „entarteter Kunst“ wertet. In der Bildungspolitik verlangt das Programm „more Bismarck and less Hitler“, eine Formulierung, die Reiche als codierten Appell an Wähler liest, die sich nach einer autoritären Vergangenheit ohne die Unannehmlichkeiten des Nationalsozialismus sehnen.

Die historische Resonanz ist beabsichtigt. Sachsen-Anhalt ist die Wiege des deutschen Protestantismus und der Geburtsort des Bauhaus. Beides anzugreifen, erlaubt der AfD, den Mantel einer „true“ deutschen Tradition zu beanspruchen und das kulturelle Establishment als fremd zu markieren. „The extreme right underlines these issues, whether it's gender or sociocultural issues related to immigration, more than the economy“, beobachtet Heinze. „Culture is often an issue that allows the far-right to garner support.“ Es erlaubt der Partei auch, deutsche Identität als homogen darzustellen, eine Voraussetzung für die „patriotic political culture“, die Tillschneider propagiert.

Ein Labor für die Bundespartei

Sollte die AfD gewinnen, wird Tillschneider voraussichtlich das erweiterte Bildungsministerium übernehmen, das für Hochschulen, Forschung und Kultur zuständig ist. Dieses Ressort gäbe ihm direkte Kontrolle über Hochschulberufungen, Museumsförderung, Lehrpläne und Denkmalschutz. „The state of Saxony-Anhalt will become a laboratory for the recommended measures and for the continuation of normalising extremist discourse“, warnt Reiche. Das Experiment würde von AfD-Landesverbänden in ganz Deutschland genau beobachtet, besonders in Thüringen und Sachsen, wo die Partei ebenfalls stark ist.

Die Bundesführung der AfD hat historisch versucht, sich von den radikalsten Landesverbänden abzugrenzen. Der Landesverband Sachsen-Anhalt unter Tillschneider und dem Vorsitzenden Martin Reichardt gilt seit langem als der ideologischste Flügel der Partei. Ein Sieg hier würde die Hardliner bundesweit ermutigen und den Versuch der Partei erschweren, vor der Bundestagswahl 2029 ein regierungsfähiges Gesicht zu zeigen. Er würde auch die CDU, die Sachsen-Anhalt seit 1990 regiert, in ein existenzielles Dilemma stürzen: mit einer Partei koalieren, die die Bundes-CDU ausschließen will, oder einen AfD-Ministerpräsidenten akzeptieren.

Die Brandmauer und die Arithmetik

Aktuelle Umfragen sehen die AfD zwischen 40 % und 42 %, die CDU bei rund 23 %, das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) nahe 15 %, die SPD bei 10 %, Grüne und FDP unter der 5%-Hürde. Selbst wenn die AfD die absolute Mehrheit verfehlt, wäre sie mit großem Abstand stärkste Kraft. Die CDU schließt eine Koalition mit der AfD aus. Eine „Kenya“-Koalition aus CDU, SPD und Grünen ist rechnerisch möglich, aber politisch fragil. Ein Bündnis CDU-BSW hing von einer Partei ab, die die russlandfreundliche Linie der AfD teilt. Jede erdenkliche Regierungsbildung ist instabil.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat den AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt seit 2021 als „erwiesen rechtsextrem“ eingestuft, was die Überwachung seiner Mitglieder erlaubt. Tillschneider selbst ist Gegenstand dieser Beobachtung. Die Einstufung hat der Popularität der Partei nicht geschadet; im Gegenteil, sie nährt die Erzählung eines korrupten Establishments, das Patrioten verfolgt. Der BfV-Bericht 2023 zum Landesverband umfasst mehr als 200 Seiten und dokumentiert verfassungsfeindliche Äußerungen führender Figuren, darunter Tillschneider.

Das Ergebnis wird über Magdeburg hinaus nachhallen. In Brüssel würde eine rechtsextreme Landesregierung Deutschlands Rolle in der EU-Migrations- und Klimapolitik komplizieren. In Moskau würde es als Bestätigung gelesen. In Berlin würde die ohnehin fragile Ampelkoalition vor neuen Fragen zu ihrer Ost-Strategie stehen. Die Brandmauer hat ein Jahrzehnt gehalten. Der Sonntag wird zeigen, ob sie noch eine Woche hält.

Erwähnte Personen

  • Hans-Thomas Tillschneider

    AfD state parliamentarian and ideological architect, Alternative for Germany

  • Ulrich Siegmund

    AfD lead candidate for state premier, Alternative for Germany

  • Jan Niklas Reiche

    Political scientist specialising in the far right, Martin Luther University Halle-Wittenberg

  • Sven Leunig

    Political scientist, University of Jena

  • Anna-Sophie Heinze

    Political scientist specialising in the far right, University of Lüneburg

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