Die deutsche Polizei hat einen 48-jährigen Mann festgenommen, der verdächtigt wird, eine Serie von Sabotageakten an dem Hochspannungsübertragungsnetz in drei Bundesländern verübt zu haben. Er nutzte selbstgebaute Raketen, um leitenden Draht über stromführende Leitungen zu legen und Kurzschlüsse auszulösen, die Kohlekraftwerksblöcke vom Netz nahmen.
Die Festnahme erfolgte am Dienstagabend in der Nähe des Braunkohlekraftwerks Weisweiler bei Aachen und beendete eine Fahndung, an der sich hunderte Beamte, Wärmebilddrohnen und Hundestaffeln im Rheinischen Revier und im Hambacher Forst beteiligten, einem früheren Schwerpunkt des Klimaaktivismus.
Selbstgebaute Raketen und Bekennerbriefe
Nach Angaben der Ermittler konstruierte der Verdächtige Startplattformen, von denen er selbstgebaute Raketen mit dünnem Draht auf 380-Kilovolt-Leitungen abfeuerte. Mindestens zwei Versuche gelangen: einer am Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg, wo mehr als 20 Raketen sichergestellt wurden, und einer in Bergheim bei Köln, wo mehrere RWE-Power-Blöcke für Tage vom Netz gehen mussten. Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz bestätigte zwei Kurzschlüsse, die zu einem Blockausfall in Jänschwalde führten.
Bei seiner Festnahme führte der Mann Sprengstoff bei sich. Ein im Unterholz nahe Weisweiler verstecktes Zelt wurde mit weiteren Ladungen präpariert aufgefunden, die nun vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen untersucht werden. Drei Bekennerbriefe, die die Polizei für authentisch hält, wurden an verschiedenen Orten sichergestellt; einer erklärt ausdrücklich, dass die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ein Verbrechen sei.
Angriffe in drei Bundesländern
Die Sabotageserie erstreckte sich über Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen, die drei Bundesländer, in denen Braunkohle noch gefördert und verstromt wird. Im östlichen Sachsen entdeckten Ermittler 21 Startvorrichtungen in der Nähe von Umspannwerken, von denen die meisten jedoch nicht funktionierten. Der Verdächtige soll durch Hinweise in den Briefen selbst auf mehrere Orte aufmerksam gemacht haben.
Der erste bekannte Angriff ereignete sich nahe Jänschwalde, weshalb die Staatsanwaltschaft Cottbus die Gesamtleitung der Ermittlungen übernommen hat. Vorbereitete Vorwürfe umfassen das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Störung öffentlicher Versorgungseinrichtungen.
Politische Reaktion und das Label »Klimaterrorismus«
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) beschrieb die Serie als »offensichtlich Klimaterrorismus eines Einzeltäters«. Die Einordnung markiert eine Verschärfung der behördlichen Sprache: Bisherige Angriffe auf das Stromnetz in Deutschland wurden als Sabotage oder extremistische Straftaten behandelt, doch das explizite antifossile Motiv in den Briefen veranlasste das Innenministerium, den Terrorismusbegriff zu verwenden.
Brandenburgs Polizeipräsident Oliver Stepien nannte die Festnahme »ein wichtiger Schritt in den Ermittlungen« und betonte, dass die Arbeit zur vollständigen Aufklärung des Hintergrunds und möglicher Verbindungen fortgesetzt werde.
Infrastrukturverwundbarkeit und Auswirkungen auf Betreiber
Die Vorfälle legen eine niedrigschwellige, aber wirksame Methode offen, das Übertragungsrückgrat anzugreifen. Ein dünner Draht über einer 380-kV-Leitung erzeugt einen Phasenkurzschluss, der automatische Schutzsysteme auslöst, die Leitung und oft das angeschlossene Erzeugungsaggregat abschaltet. Zwar hielt das Netz den Vorfällen ohne Kaskadenausfall stand, doch der Ausfall in Bergheim dauerte mehrere Tage an und unterstreicht die physische Unsicherheit von Freileitungen, die sich über tausende Kilometer durch die Braunkohlereviere ziehen.
RWE Power und 50Hertz haben den finanziellen Schaden nicht beziffert, doch der vorübergehende Verlust steuerbarer Kohlekapazität kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland angesichts des Atomausstiegs und reduzierter russischer Gaslieferungen mit einer knappen Winterversorgungslage konfrontiert ist.
Ermittlungen verlagern sich zur Staatsanwaltschaft Cottbus
Mit dem Verdächtigen in Haft rückt der Fokus auf die forensische Analyse der sichergestellten Geräte, der im Zelt gefundenen Sprengsätze und der digitalen Spuren der Bekennerbriefe. Die Staatsanwaltschaft Cottbus wird auch prüfen, ob der Mann vollständig allein handelte oder Kontakte zu extremistischen Netzwerken hatte. Keine Gruppe hat sich bekannt, und die Briefe zeichnen das Bild eines isolierten Täters, der durch klimaradikalisierung motiviert war.
Erwähnte Personen
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Oliver Stepien
Organisationen
RWE Power · 50Hertz Transmission · Brandenburg Police · North Rhine-Westphalia Police · German Federal Ministry of the Interior · Cottbus Public Prosecutor's Office