Deutschlands Ruf nach politischer Stabilität wird in diesem Sommer auf die Probe gestellt, da konservative Politiker offen diskutieren, ob Bundeskanzler Friedrich Merz vor Ablauf seines ersten Amtsjahres abgelöst werden soll. Auslöser sind die anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland nächsten Monat, bei denen die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg realistische Chancen hat, eine Landesregierung anzuführen.
Die Sommerkrise im Kanzleramt
Merz kehrte aus der Sommerpause zurück und betonte, die Turbulenzen würden sich legen. "Ich gehe davon aus, dass sich die Lage bis September etwas beruhigt haben wird," sagte er vergangene Woche vor Journalisten nach einer Kabinettsumbildung, die öffentliche Rücktritte und interne Vorwürfe nach sich gezogen hatte. Sein Optimismus steht im Kontrast zur Stimmung in der Christlich Demokratischen Union (CDU), wo eine wachsende Zahl von Abgeordneten und Funktionären einen Kanzlertausch als Verteidigungsmaßnahme gegen einen Wahlkollaps im Osten debattiert.
Die Diskussion ist nach deutschen Maßstäben bemerkenswert. Seit 1949 wurden nur drei amtierende Kanzler von Politikern aus dem eigenen Lager abgelöst: Konrad Adenauer machte 1963 Platz für Ludwig Erhard, Erhards Koalition zerbrach 1966, und Willy Brandt trat 1974 wegen einer Spionageaffäre zurück. Jeder Wechsel erfolgte unter spezifischen Umständen, Alter, Koalitionsbruch, persönlicher Skandal. Das aktuelle Szenario wäre primär durch Umfrageangst und den Aufstieg einer Partei getrieben, die alle anderen etablierten Kräfte von der Macht ausschließen wollen.
Ostwahlen und der AfD-Höhenflug
Der unmittelbare Auslöser ist der Wahlkalender. Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September. Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit erringen und in den beiden anderen Ländern stärkste Kraft werden könnte. Solche Ergebnisse würden die Brandmauer durchbrechen, die die rechte Partei seit ihrer Gründung 2013 auf allen Ebenen von Regierungsverantwortung ferngehalten hat.
Die Einsätze reichen über die Landeshauptstädte hinaus. CDU-Politiker in Ostdeutschland warnten intern, dass Kommunalvertreter nach den Wahlen eine von der AfD geführte Verwaltung tolerieren oder unterstützen könnten, was Merz' wiederholtes Versprechen brechen würde, niemals mit der Rechten zusammenzuarbeiten. Ein hochrangiger Konservativer beschrieb die interne Debatte als "vorerst spekulativ", sagte aber, die Nachwehen der Ostwahlen seien "entscheidend" für die Zukunft des Kanzlers.
Auf Bundesebene ist der Wandel bereits sichtbar. Statistisches Bundesamt (Destatis) erfasst die demografischen und wirtschaftlichen Trends, die die ostdeutsche Entfremdung genährt haben, doch der politische Ausdruck ist klar: POLITICOs Umfrage der Umfragen sieht die AfD bundesweit bei 28 Prozent, sieben Punkte vor dem CDU/CSU-Block bei 21 Prozent. Die AfD ist nun die beliebteste Einzelpartei Deutschlands.
Die Mechanik eines Kanzlertauschs
Tritt Merz freiwillig zurück, würde sein Nachfolger durch Mehrheitswahl im Bundestag bestimmt, der wenigsten disruptive Weg. Verweigert er sich, bräuchten Gegner ein konstruktives Misstrauensvotum nach Artikel 67 Grundgesetz, das die gleichzeitige Wahl eines Nachfolgers erfordert. Dieses Verfahren gelang nur einmal, 1982 als Helmut Kohl Helmut Schmidt ablöste. Ein Versuch jetzt würde die regierende Koalition aus CDU, CSU und SPD sprengen und möglicherweise Neuwahlen auslösen.
Hendrik Wüst, der 49-jährige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, gilt in Medienspekulationen als aussichtsreichster Kandidat. Wüst äußerte sich öffentlich nicht zu den Gerüchten. Der Spiegel titelte auf seinem aktuellen Cover "Palastrevolte" und fing die Intensität der Hinterzimmer-Manöver ein. Konservative Quellen bestätigten die Diskussionen gegenüber Reportern unter Anonymität und nannten schwindendes Vertrauen in Merz' Staatsmannqualitäten sowie Zweifel an seiner Fähigkeit, die Partei zusammenzuhalten, sollte die AfD im Osten in Regierungen einziehen.
Söders Verteidigung und die Risiken einer Ablösung
Die stärkste Stimme hinter Merz bleibt Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident und Chef der CDU-Schwesterpartei Christlich-Soziale Union (CSU). In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender ARD am Wochenende war Söder eindeutig: "Ich bin fest überzeugt, dass Friedrich Merz Kanzler bleibt." Er warnte, ein Tausch stürze die Konservativen in "vollständiges Chaos" und könne Neuwahlen erzwingen, was seiner Ansicht nach nur der AfD nütze. "Wer jetzt Neuwahlen will ... fördert nur eins: Radikale an die Macht."
Söders Eingreifen hat Gewicht. Die CSU regiert in Bayern und bildet den südlichen Anker des konservativen Blocks. Seine Rechnung ist simpel: Der Umfragerückstand von CDU/CSU ist strukturell, nicht persönlich, und eine Führungskrise würde den Eindruck bestätigen, die bürgerliche Mitte sei regierungsunfähig. Andere Spitzenpolitiker mahnten ebenfalls zur Disziplin, doch keiner mit Söders Autorität.
Umfrabensturz und wirtschaftliche Unzufriedenheit
Merz' persönliche Werte erklären die Nervosität. Die jüngste ARD-DeutschlandTrend-Umfrage vom Juli ergab, dass nur 13 Prozent der Deutschen mit seiner Arbeit zufrieden sind, der niedrigste Wert für einen amtierenden Kanzler seit Beginn der Erhebung vor fast 30 Jahren. Die Unzufriedenheit wurzelt in zwei Bereichen: der Wahrnehmung, die Regierung habe die stagnierende Wirtschaft nicht belebt, und Skepsis gegenüber Renten- und Gesundheitsreformen, von denen Wähler befürchten, dass sie sie Geld kosten.
Die deutsche Wirtschaft schrumpfte 2023 und stagnierte 2024, die Bundesbank prognostiziert bis 2026 allenfalls bescheidenes Wachstum. Die Industrieproduktion liegt weiter unter dem Vor-Corona-Niveau. Merz hatte mit wirtschaftlicher Erneuerung geworben, doch der erste Koalitionshaushalt wurde von Schuldenbrems-Verhandlungen und den Folgen eines Verfassungsgerichtsurteils dominiert, das ein Loch in die Klima- und Transformationsfinanzierung riss. Die Reformagenda, Anhebung des Renteneintrittsalters, Anpassung der Gesundheitsbeiträge, ist entworfen, aber nicht verkauft.
Der Mainzer Politikwissenschaftler Kai Arzheimer ordnet die Turbulenzen in einen längeren Trend ein. "Verglichen mit den 1970er und 1980er Jahren erlebt Deutschland seit geraumer Zeit relativ wenig politische Stabilität," sagte er. "Nach dem Maßstab dessen, was in vielen anderen europäischen Ländern zur Norm geworden ist, könnte man aber auch sagen: Deutschland ist einfach dort angekommen, wo andere schon lange sind." Er zweifelt, dass die CDU den Mut zum Hochrisiko-Spiel aufbringt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele im konservativen Lager sagen: 'Das ist die Lösung, und wir nehmen jedes Risiko in Kauf, in der Hoffnung, dann in Umfragen besser dazustehen.' Das wäre eine völlig verrückte Idee."
Was im September passiert
Die kommenden sechs Wochen entscheiden, ob der Kanzlertausch ein parlamentarisches Salon-Spiel bleibt oder zum verfassungsrechtlichen Ereignis wird. Gewinnt die AfD in Sachsen-Anhalt und schneidet anderswo stark ab, wird der Druck auf Merz akut. Die ostdeutschen CDU-Führer stehen dann sofort vor der Frage, ob sie eine AfD-Regierungsbeteiligung tolerieren, eine Entscheidung, die die Partei entlang regionaler Linien spalten könnte.
Erwähnte Personen
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Markus Söder
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Hendrik Wüst
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Kai Arzheimer
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Christiane Hoffmann
Organisationen
Christian Democratic Union · Christian Social Union · Alternative for Germany · Social Democratic Party of Germany · Federal Government of Germany · University of Mainz